Benutzer:Orknase/Briefspiel: Unterschied zwischen den Versionen

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Es ist ausdrücklich erlaubt, Rechtschreibfehler sowie Fehler der Zeichensetzung zu korrigieren, genauso wie verloren gegangene Buchstaben richtig zu ergänzen und überzählige einzusammeln - dies gilt auch für meine anderen Texte.
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<!--= Custōsa=-->
[[Garetien:Esmeria_Darando_della_Tenna|Esmeria Darando della Tenna]]
= Mondäuglein =
-->
 
== Gedanken ==
Zurückzublicken und die eigenen Taten zu beurteilen, ist dem Menschen wohl zutiefst zu eigen. Damit einher geht natürlich die Frage, was man mit dem heutigen Wissen als hätte ändern können. Hätte man das damals bereits gewusst, hätte man alles zum Besseren wenden können – die Welt wäre eine ganz andere, eine bessere. Ja, dieser Blick zurück. Wie verlockend er doch ist! Wie verheißungsvoll! Und wie töricht zugleich. Wie die Menschen nur glauben können, eine einzige Entscheidung von ihnen hätte den Lauf der Dinge ändern können? Sind sie doch nicht mehr als ein winziger Wassertropfen im sommerlichen Morgendunst. Kaum sichtbar, wenig mehr als ein hauchdünner Schleier, durch den man in die Welt blickt, der kaum etwas verhüllt und der ebenso schnell und abrupt verschwindet, wie er gekommen ist. Das Ende, unausweichlich und unabdingbar. Und obwohl sie sich ihrer eigenen Bestimmung bewusst sind, nämlich der, dass sie alle sterben werden, verhalten sie sich nicht so. Sie geben nicht acht. Sie riskieren. Angetrieben vom Gefühl, dass sie mehr verdient haben. Mehr als andere. Weitaus mehr. Von Hass und Ehrgeiz, Neid und Eifersucht zerfressen, vergessen sie ihre eigene Sterblichkeit und riskieren, das Einzige, das sie wirklich ihr Eigen nennen können: Ihr Leben. Interessant, nicht wahr?
 
<!--Aus dem Vorwort der »Wege der Wächterinnen«-->


= (...) =
== Esenfeld ==
[[Garetien:Wehrhof Gerbachsroth|Gerbachsroth]], Firun 1044


[[Garetien:Alderan von Nadoret|Alderan]] stand etwas ratlos am Grab seiner [[Garetien:Sigmunde Brinhild von Schwarztannen|Frau]]. Er hatte sie aus politischen Gründen geheiratet und sie eigentlich auch kaum gekannt, aber er fühlte sich dennoch für ihren Tod verantwortlich, war sie doch bei der Geburt ihrer Kinder gestorben. Er war ehrlich traurig und verfluchte sich nicht an ihrer Seite gewesen zu sein. Gut es war langweilig in Gerbachsroth, aber er hatte ihr gegenüber eine Verantwortung gehabt. Es war wohl eine äußerst schwere Geburt gewesen. Das erste Kind war gesund und munter gewesen, aber das zweite war nur noch todgeboren worden und hatte bald darauf seine Mutter mit sich auf die Reise über das Nirgendmeer genommen. Er hätte wohl nichts daran ändern können, aber er hätte wenigstens an ihrer Seite sein sollen.
=== Fremder ===
ZSF01: Ein Fremder kommt nach Esenfeld


Er hatte sie während ihrer Schwangerschaft nur einmal besucht, ein Umstand der ihn nicht gerade mit Stolz erfüllte. Auch wenn er dafür von seinen Freunden aufgezogen worden war hatte er sich am Hof des Markvogtes stets an die Gebote der Travia gehalten. Andere mochten ihn als lebenslustig und feierfreudig einstufen, aber er war doch immer noch aus altem Koscher Adel. Freilich hatte er bis auf Kindertage nie im Kosch gelebt, aber eine gewisse Verantwortung brachte der Name „von Nadoret“ doch mit sich.
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF


Nun war er nach nicht einmal einen Jahr Ehe bereits Witwer und für ein Kleinkind verantwortlich, darüber hinaus auch noch für [[Garetien:Stordan Raulfried von Gerbachsroth|Stordan]], Sigmundes Sohn aus erster Ehe. Der Bursche war auch erst sieben Jahre alt. Immerhin war Stordan bereits in Pagendiensten und damit außer Hause. Seine sonstige Familie bestand nur aus Kindern, aber er war bei seiner [[Garetien:Ailsa ni Rian|Pagenmutter]] in guten Händen. Sie würde sich schon um den Vollwaisen kümmern.
»Es ist Zeit«, hob der Fremde an und bedachte die Frau ihm gegenüber aus seinen kalten, blauen Augen voller Abscheu. Der Mann saß hoch zu Ross. Er war ein harter Mann von kräftiger und Statur, dabei ungewöhnlich groß, mit noch immer dichtem schwarzem Haar und einer unfassbar tiefen Stimme. Über einem Kettenhemd trug er einen Wappenrock in Schwarz und Gelb. Ein Schwert in einer kunstvollen Scheide hing an seiner linken Seite. Seine Begleiter waren ebenfalls gerüstet und bewaffnet. Grimmig schauten sie drein. Die Pferde schnaubten. Unruhig drehten sie die Ohren. Das des Bannerträgers tänzelte einige Schritte rückwärts. Das Banner, das zwei schwarze Tannen auf zwei schwarzen Hügeln auf goldenem Grund zeigte, hing trostlos herab. Noch lag eine unerträglich schwüle Hitze über dem Land, doch begannen sich bereits dunkle Wolken am Himmel zu sammeln und einen unheilvollen Schatten auf den Innenhof zu werfen.


Alderan hielt es ganze acht Tage auf Gerbachsroth aus, dann nahm er seine Tochter [[Garetien:Brinhild von Nadoret|Brinhild]], genannt nach dem Zweitnamen ihrer Mutter, mit sich und ritt nach Scharfenstein um bei [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]] vorzusprechen. Das Gespräch währte nicht sehr lange. Weder Baron, noch die vielen [[Garetien:Familie Rian|Rians]] an seinem Hof schienen seiner Gattin eine Träne nachzuweinen und hatten ihn kurzerhand zum neuen Edlen ernannt, konnte ein Kind doch in Zeiten von schweren Fehden kein Lehen führen.
Während sich die Bediensteten des Wehrhofs dicht an die Gebäude gedrängt hatten, stand nur eine einzige Frau im Innenhof unweit der alten Eiche. Ein alter und ehrwürdiger Baum, der auch heute noch reichlich Blätter an seinen knorrigen und verwachsenen Ästen trug und dem man nachsagte, dass er schon immer an diesem Ort gestanden haben – noch weit vor dem Wehrhof. Eine alte Legende besagt, dass die Unschuldigen unter ihm stets Schutz fänden.


Am Rande traf er sogar kurz auf [[Garetien:Meara ni Rian|Meara ni Rían]], die Gattin seines gefallenen [[Garetien:Bolzer von Nadoret|Bruders]]. Er hatte sie vorher noch nie kennengelernt und war durchaus daran interessiert die zurückgezogene Frau etwas näher kennenzulernen, aber Meara schien auf seine [[Garetien:Familie Nadoret|Familie]] nicht gut zu sprechen zu sein und fand bald einen Grund das Gespräch abzubrechen. Die nächsten zwei Tage ging sie ihm dann aus dem Weg.
»Einen weiteren Götterlauf«, bat die Frau unweit des Baumes mit fester Stimme und nickte, wobei ihr eine Strähne ihres dunkelblonden Haares dabei ins Gesicht fiel. Mit einer eleganten Bewegung strich sie es zurück. Ihre tiefbraunen Rehaugen blickten zu dem Reiter empor. Sanft wirkten ihre Züge. Zurückhaltend. Regelrecht verhuscht. »Nur noch einen. Es wird der letzte sein. Ich bitte dich, [[Garetien:Ardo von Schwarztannen|Ardo]], nur noch dieses eine Mal.«


Also brach Alderan schließlich mit Klein-Birnhild auf. Er wusste nicht so recht was er mit einem Kleinkind anfangen sollte, drum entschied er sich sie zu seiner [[Garetien:Nadyana von Nadoret|Mutter]] bringen. Sie würde seine Tochter sicher gerne aufziehen. Er wusste ja auch gar nicht wie man so etwas machte und außerdem war der Hof des Marktvogtes nichts für kleine Kinder. Er würde sie auch bitten ihm einen Vogt zu empfehlen, der die Amtsgeschäfte vor Ort erledigen konnte und Alderan die Rendite des Lehens direkt an den Hof schickte. Am besten ein Koscher aus altem Adel, der seiner Familie gegenüber loyal war und nicht in seine eigene Tasche wirtschaften würde.
»Nein«, erwiderte der Ritter barsch und ließ seine Rechte durch die Luft schnellen. Seine Augen funkelten zornig. Seine Gesichtszüge waren angespannt. »Nichts da.«


Autor: [[Benutzer:Sindelsaum|Sindelsaum]]
»Im Namen der Götter«, hob sie nun an und beugte beide Knie, wie man es nur vor den Göttern tat, ihr Haupt hielt sie dabei gesenkt, »Im Namen der Sturmherrin, ich flehe dich an: Lass mir meine Kinder. Es ist ein einziger weiterer Götterlauf, um den ich dich bitte. Nur einen noch. Danach sind sie dein. Ich schwöre es.« Bei den letzten Worten blickte sie auf. Ihre Blicke trafen sich. »Vor dem Gerechten.« Sie hob ihre Hand, als wollte sie einen Schwur ablegen.


= [[Weiß wie Schnee — Briefspielreihe|Weiß wie Schnee]] =
Er lachte nur: »Vorbei sind die Zeiten, da der Blick eines scheuen Rehes mich milde stimmte.«
== Schicksal bleibt Schicksal ==
Hexenwald


[...]
»Sie sind noch zu jung«, beharrte sie, »Gibt ihnen noch einen weiteren Götterlauf, Ardo.«


= [[Sternguckerin — Briefspielreihe|Sternguckerin]] =
»Wozu?«, spie er nur hervor, »Was solltest ausgerechnet du, [[Garetien:Algerte Phexlieb von Schwarztannen|Algerte]], ihnen geben können?« Einen Moment herrschte angespannte Stille. »Außer Lügen und Verrat?«
Eine Peraine-Novizin erhält ihre Weihe und muss sich kurz darauf in der Fehde beweisen, dabei muss sie sich nicht nur den den menschlichen Abgründen der Fehdeparteien stellen, sondern auch sich selbst.
<!--
== Tempeltreu ==
'''[[Garetien:Stadt Schwarztannen|Stadt Schwarztannen]], im Hesinde 1043 BF'''


Der Sterngucker hatte lange gedauert. Während ich an der Seite der Gebärenden ausgeharrt und sie nach besten Kräften unterstützt hatte, war meine Lehrmeisterin zu anderen Geburten gerufen worden. Sie war nur gegangen, weil ich bleiben konnte. Inzwischen, nach den vielen Götterläufen, die ich bereits bei ihr hatte lernen dürfen, vertraute sie mir auch schon mal allein ihre Frauen an, auch wenn sie es nicht gerne tat, was allerdings nicht an meinem Können lag, sondern einfach nur an dem Umstand, dass sie einfach gerne selbst bei ihren Frauen war. Zu Beginn hatte ich Hild oft begleitet, war fast permanent bei ihr gewesen und nur ganz selten im Tempel, doch inzwischen hatte sich das geändert. Inzwischen war ich wieder mehr im Tempel und nur noch gelegentlich bei ihr. Meist dann, wenn es zu viel zu tun gab und sie nicht überall gleichzeitig sein konnte oder aber, wenn die Geburt eine besondere war. Diese hier, die war eine. Es war ein Sterngucker.
»Die Liebe einer Mutter«, kam ihre Antwort prompt, wobei sie ihre Hände einer Umarmung gleich ausbreitete, »Und wenn eine die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern versteht, dann gewiss die Leuin höchst selbst.«


Ich soll auch eine gewesen sein. Eine Sternguckerin. Dabei schaut das Kind die Mutter bei der Geburt an. Oft kam das nicht vor. Die Geburten waren schwerer und dauerten länger. Bei meiner Mutter soll das auch so gewesen sein. Kurz nach meiner Geburt starb sie und die alte Hebamme Hild, die damals bei meiner Geburt dabei gewesen war, hatte mich in den Tempel der Peraine gebracht. Ich sei klein gewesen, ein winziges Kind, hatte Hild mir erzählt. Keiner habe damals gewusst, ob ich nicht meiner Mutter nachfolge. Man gab mir den Namen [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Lindegard]], weil ich irgendwie wie eine Lindegard aussah. Damals war die Heilige Lindegard, die zur Zeit der Magierkriege gelebt hatte, noch gar keine Heilige. Und weil meine Mutter ihren Namen nie genannt hatte, wobei niemand mit Sicherheit hatte sagen können, ob sie es nicht hatte wollen oder nicht hatte können, wurde ich eine [[Garetien:Familie Tempeltreu|Tempeltreu]]. Die Familie Tempeltreu war die Familie der Findelkinder und irgendwie war ich ja eines, ein Findelkind. Seit dem lebte ich im Tempel. Meine Familie waren die Bewohner des Peraine-Tempels. Die Geweihten waren meine Mütter und Väter und die Novizen meine Geschwister. Ich vermisste nie etwas. Der Tempel war mein Heim. Und wenn ich mich nach meiner Mutter sehnte, jener Frau, die mich geboren hatte, ging ich zum Boronanger draußen vor der Stadt. Da lag sie. Seltsam war es schon, ich hatte so gar keine Beziehung zu ihr. Sie war eine Fremde für mich, eine – und dafür schämte ich mich sogar ein wenig – die mich nicht wirklich interessierte.
»Liebe gewinnt keinen einzigen Kampf, sie macht einen nur...«, er hielt einen Moment inne und blickte sie mit seinen harten Augen an, »... weich.« Er schluckte. »Naive.« Nun nahm er das Kinn ein Stück weiter nach oben. »Dumm.«


Als das Kind das Licht Deres erblickte, war Hild gerade wiedergekommen. Später, auf dem Weg zum Tempel, lobte sie mich: „Du hast wirklich schon viel gelernt. Bald brauchst du mich nicht mehr.“ Einen Moment schwieg sie. „Damals, bei meiner ersten Geburt, bei der ich alleine war, habe ich dem Kind den Arm gebrochen. Es musste plötzlich schnell gehen und ich war nicht zimperlich… Das ärgert mich zwar noch heute, allerdings ist der Bruch gut verheilt und Mutter und Kind waren wohl auf.“
Erste Regentropfen begannen zu fallen. An der Wange der Hausherrin rann einer herab oder war es doch eine Träne?


Ich nickte erschöpft. Die letzten beiden Nächte hatte ich nicht geschlafen und so sehnte ich mich nach meinem Bett, auch wenn die Praiosscheibe hoch am Himmel stand. Meine Gedanken wurden zunehmend fahriger und dann, dann kam mir plötzlich diese Fehde in den Sinne: „Was glaubst du, bedeutet die Fehde für uns?“
»Ich habe dich zu lange gewähren lassen. Habe dich beschützt. Habe zu dir gestanden. Aber du...« Er holte Atem. »Die Kinder brauchen endlich ihren Vater!«


„Für uns Hebammen oder für euch Geweihte?“, hakte sie nach. Auch sie hatte nicht geschlafen, aber sie wirkte hellwach.
Nun lachte sie: »Ihren Vater? Ihren VATER?« Ihre Stimme überschlug sich. Leise begann Donner über sie hinwegzugrollen. Er drückte die Lippen fest aufeinander. Hielt die Zügel verkrampft in seinen Händen. »Vor Götterläufen hätten sie dich gebraucht. Vor Götterlaufen, Ardo! Ein jeder hier ist mehr Vater als du es je sei...«


„Für beide“, erwiderte ich nickend.
Da stieß er seinem Pferd die Haken in die Flanken. Sie erhob sich. Das Tier preschte nach vorne. Zorn funkelte in seinen Augen. Nein, purer Hass. Vielleicht sogar Mordlust. Doch sie blieb stehen. Hielt seinem Blick stand. Reckte ihren Kopf noch ein wenig höher. Sie war stolz auf ihre Kinder. Auf jedes einzelne von ihnen. Niemals würde sie zulassen, dass er sie einfach so ihr wegnahm. Wie lange hatte er sich nicht für seine Kinder interessiert? Sie wich nicht aus. Sie blieb stehen. Und sein Hengst ritt sie einfach nieder. Begrub sie einfach unter sich. Sie hatte noch nicht einmal Zeit zu schreien oder war es das Donnergrollen, dass ihre Schreie übertönte? Reglos blieb sie liegen. Nur ihr Brustkorb hob und senkte sich. Blut quell aus verschiedenen Wunden empor. Der Regen wusch es fort. Und ihre Augen folgten dem Mann, dessen Kinder sie geboren hatte.


„Viel Arbeit“, sie nickte ernst, „Sehr viel.
Er wendete das Pferd. Brachte es zum Stehen. Wieder grollte es. Es begann noch heftiger zu regnen. Er blickt auf die am Boden liegende herab. Sah das Blut. Mächtiger Donner fegte über sie hinweg. Das Banner begann in der aufgekommenen Brise hart zu flackern.


„Dann glaubst du, es werden mehr Kinder geboren?“, wollte ich verunsichert wissen, weil ich mir das kaum vorstellen konnte.
»Lasst sie liegen«, befahl er. Und alle gehorchten. Drängten sich noch dichter an die Gebäude. Nicht jedoch etwa aus Angst vor Wind und Wetter. Er war es, vor dem sie sich fürchteten. Und die beiden [[Garetien:Gishelm Rondrawin von Schwarztannen|Kna]][[Garetien:Moribert von Schwarztannen|ben]] begriffen, dass er der gestrenge Herr sein musste, von dem ihnen ihre Mutter immer erzählt, ja vor dem sie eindringlich gewarnt hatte. Er war der Ritter zu Esenfeld. Er war ihr Vater.


„Habe ich das etwa gesagt?“
=== Vater ===
ZSF02: Die beiden Knaben lernen ihren Vater kennen.


„Ähm“, begann ich zu stammeln, „Hast du... hast du denn nicht?“
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF


„Du wirst viel Elend sehen, Lindegard“, sie legte sanft ihre Hand auf meine Schulter, „Elend, das nicht hätte sein müssen. Elend, das...“ Abrupt verstummte sie. Wir waren inzwischen beim Tempel angekommen. Vorne vor dem Tempel wartete [[Garetien:Baldur von Immenhort|Baldur von Immenhort]], der Prätor des [[Garetien:Tempel der eingebrachten Früchte zu Schwarztannen|Tempels]]. Verunsichert blickte ich ihn an.
Der [[Garetien:Ardo von Schwarztannen|Ritter zu Esenfeld]] stieg vom Pferd. Seine Gefolgsleute taten es ihm gleich. Knechte kamen herbeigeeilt, kümmerten sich um die Tiere, während Regen und Wind über sie hinwegpeitschten. Donner grollte markerschütternd. Wütende Blitze zuckte vom Himmel herab. Erhellten den inzwischen stockfinster gewordenen Innenhof Esenfelds. Die Männer, der Ritter zu Esenfeld allen voran, drängten in das Gebäude hinein. Die Bediensteten wichen zurück. Die beiden Knaben, die noch immer stocksteif unweit der Tür standen, fassten sich unbewusst an den Händen, der kleinere der Knabe drängte sich an seinen größeren Bruder. Beide hatten sie das pechschwarze Haar ihres Vaters und die weichen, tiefbraunen Augen ihrer Mutter. Hinter ihnen stand eine [[Garetien:Waad|junge Frau]] mit leicht dunklerer Haut, grünen Augen und rotblondem Haar. Gerade eben hatten ihre beiden Hände auf den Schultern der Knaben geruht, nun ließ sie sie herab gleiten und wollte sich gerade ins Innere des Hauses zurückziehen, da trat der Hausherr mit festen Schritten entschieden auf die beiden Knaben zu und fixierte sie mit seinen harten kalten blauen Augen.


== Schneeglöckchen ==
»Was steht ihr noch hier rum?«, blaffte er sie an, »Sorgt dafür, dass meine Männer etwas Vernünftiges zu Essen und Trinken bekommen, so lange Efferd uns zürnt.«
'''[[Garetien:Tempel der eingebrachten Früchte zu Schwarztannen|Tempel der eingebrachten Früchte]], [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Stadt Schwarztannen]], im Hesinde 1043 BF'''


„Es hat..., meine Stimme zitterte, „... hat ein wenig länger gedauert.
Ungläubig blickten die beiden noch immer dicht aneinander gedrängten Knaben, der eine mehr als einen Kopf kleiner als der andere, zu dem Fremden auf. »Rondra«, wisperte der [[Garetien:Moribert von Schwarztannen|Jüngere]]. Die linke Augenbraue des Ritters zuckte steil nach oben, seine Hand schnellte nach hinten und dann nach vorne auf die Wange des Knaben. Der schrie entsetzt auf, drückte sich in die Arme seines großen Bruders. Tränen schossen ihm in die Augen und Blut tropfte aus seiner Nase.


[[Garetien:Baldur von Immenhort|Baldur von Immenhort]] nickte: „Ich weiß, ich habe mit deiner Lehrmeisterin gesprochen.
»Erhebe noch ein einziges Mal das Wort gegen deinen Vater und du liegst da draußen neben deiner ... «, drohte er mit erhobener Hand. Jene Hand, mit der er den Knaben eben gerade geschlagen hatte. »... Mutter.«


Verunsichert blickte ich zu Hild, die mir ein freundliches Lächeln schenkte, dann wandte ich mich wieder Hochwürden zu. Dass er da gerade Hild als meine Lehrmeisterin bezeichnet hatte, kam einem Ritterschlag gleich. Aus irgendeinem Grund gab es Differenzen zwischen den Peraine-Geweihten und den Hebammen was die Geburtshilfe betraf. Zwar hatte Hild mich das nie spüren lassen, aber über das geredet, was zwischen ihr und meiner Kirche stand, hatte sie nie. Auch im Tempel hat nie jemand darüber gesprochen. Kaum verwunderlich, wurde meine Wunsch damals, auch bei einer profanen Hebamme zu lernen, abgelehnt. Ich ging trotzdem. Hild war nicht begeistert. Sie schickte mich in den Tempel, aber ich ging nicht. Hochwürden bestellte erst mich ein, ich erschien auch und erklärte, dass ich nicht beabsichtige mich zu fügen. Ich blieb stur. Ich hatte das Gefühl, dass es einfach die richtige Entscheidung war, dass die Herrin Peraine von mir verlangte, dass ich mich dafür einsetzte. Ich hatte das Hochwürden nie so gesagt, weil... weil ich fürchtete, dass er mir nicht so recht glaubte. Er bestellte dann auch Hild ein. Erst sah es so aus, als ob sie nicht käme. Dann kam sie doch, auch wenn viel zu spät, eine Geburt hatte sie aufgehalten. Die beiden stritten miteinander. Sie hatten sich ins Tempelinnere zurückgezogen, aber man konnte ihre aufgewühlten Stimmen hören, obgleich ich kein Wort verstand. Nie wieder habe ich die beiden so erlebt. Am Ende einigten sie sich, worauf, dass erfuhr ich nicht. Ich bekam jedoch meinen Willen und das war mir genug.
»Ja, Hoher Herr«, erwiderte der [[Garetien:Gishelm Rondrawin von Schwarztannen|Ältere]], während er noch immer seinen heftig, schluchzenden Bruder in seinen Armen hielt, »Geht doch schon einmal hinein. Wir werden Euch sogleich bewirten.«


Ich schluckte, wollte etwas erwidern, aber ich brachte kein Wort heraus. Irgendetwas ging hier vor sich.
Wieder lag der harte und kalte Blick des Mannes auf den beiden Knaben. Und ohne seine Söhne eines weiteren Blickes zu würdigen, ging der Ritter zu Esenfeld an ihnen vorbei und auf die rotblonde Frau zu, die furchterfüllt immer weiter und weiter zurückwich. Ihm folgten seine Männer.


„Komm, [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Lindegard]]“, sagte er, „Lass uns hineingehen.
»Ich werde dich beschützen, Moribert«, wisperte der größere Knabe, dem noch immer weinenden kleineren zu als die Männer außer Hörweite waren, »Bleib einfach immer hinter mir, dann kann er dir nichts tun.« Er fuhr seinem Bruder über das kurze, schwarze Haar. Die beiden trennten sich. Moribert tropfte noch immer Blut aus der Nase. Der Regen wusch es fort. »Gishelm«, wimmerte der jedoch nur erstickt, »Ist das wirklich unser Vater?« Sein Blick glitt zu der noch immer reglos im Regen liegenden Frau. Ihrer [[Garetien:Algerte Phexlieb von Schwarztannen|Mutter]]. Ihre Augen waren noch immer geöffnet. Hatten die beiden Knaben fixiert. Ihre Lippen bewegten sich tonlos. Gishelm senkte den Blick.


Mit klopfendem Herzen stieg ich die wenigen Stufen zu ihm hinauf. Ich warf meiner Lehrmeisterin einen letzten Blick zu, dann ging ich an der Seite von Hochwürden in den Tempel hinein. Es war seltsam, wie wir da Seite an Seite durch den Tempel schritten. Er schwieg. Es war ein angespanntes Schweigen. Blicke folgten uns, manche schenkten mir ein aufmunterndes Lächeln, manche betrachteten mich lediglich äußerst nachdenklich. Ich fühlte mich zunehmend seltsamer.
=== Bastard ===
ZSF03a: Ein Bastard verdirbt dem Ritter zu Esenfeld die Laune.  


„Habe ich… ich etwas falsch gemacht?“, wollte ich mit brüchiger Stimme wissen und wagte es nicht Baldur von Immenhort anzusehen.
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF


„Wie kommst du darauf?“, gab er die Frage zurück.
[[Garetien:Ardo von Schwarztannen|Ardo von Schwarztannen]] war gerade dabei den Wehrhof wieder in Besitz zu nehmen, da fiel sein Blick auf eine junge Frau. Eine [[Garetien:Waad|junge Frau]], die er noch nie zuvor hier gesehen hatte. Eine sehr hübsche junge Frau mit rotblondem Haar und tiefgrünen Augen und dem verheißungsvollen Hauch von Andersartigkeit. Der Ritter war nicht nur für seine Begierde bekannt, sondern auch dafür, sich zu nehmen, was er glaubte, was ihm zustünde.


„Weil... weil...“, konnte ich nur stammeln, während wir weiter in das Tempelinnere gingen. Immer weiter und weiter gingen wir, immer tiefer und tiefer, bis wir in einen Raum kamen, in dem ich noch nie gewesen war und bei dem ich wusste, das ich dort nichts zu suchen hatte. Hier zog sich Hochwürden zurück, wenn er mit unserer Herrin allein in Zwiesprache treten wollte. Es störte ihn dabei nie jemanden. Und nun war ich hier und ich sollte nicht hier sein...
Mit seinen kalten, blauen Augen fixierte er sie. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinab. Sie schluckte schwer und stellte mit zitternden Händen den großen Bierkrug direkt neben ihm ab. Gerade als sie sich zurückziehen wollte, schnellte seine Hand nach vorne und packte sie am Handgelenk. Ein Schrei entrann ihrer Kehle, ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, ihr Atem ging schnell. Sie versuchte ihm ihr Handgelenk zu entwinden, aber er hielt sie nur noch fester. Immer fester.


Der Raum war nicht sonderlich groß, wirkte gemütlich und irgendwie einladend. Ich spürte, dass unsere Herrin hier besonders präsent war, obgleich ich nicht so recht wusste warum. Auf einem runden Tisch mit vier Stühlen lag eine Garbe güldener Ähren und ein Stück grünes Tuch mit einer Ährenstickerei, beides erinnerte mich an die Roben der Geweihten der Herrin Peraine. Daneben gab es eine Sitzecke mit vielerlei grünen Kissen. Es gab auch einen kleinen Schrein unserer Herrin. Dort lagen Storchenfedern. Durch ein Fenster konnte man in einen kleinen Garten blicken. Der Prätor bemerkte meinen interessierten Blick und erklärte: „Ich habe gedacht, ich hätte zumindest noch Zeit, bis die Herrin Tsa den Herrn Firun so langsam zu vertreiben beginnt. Dort draußen fühlt man sich unserer Herrin noch viel näher. Wenn alles grünt dann...“ Er verstummte. „Aber schau, dort! Dort reckt sich ein Schneeglöckchen keck hervor.“
»Schenk mir ein«, befahl er mit kalter Stimme und ließ abrupt ihre Hand los. Sie taumelte nach hinten. Umfasste instinktiv mit der unversehrten Hand ihr schmerzendes Gelenk und begann heftig zu schluchzen. »Schenk mir ein«, wiederholte er mit schneidender Stimme, »SOFORT!«


Ich sah es nicht gleich, ich stand noch immer am Tisch, doch dann nickte ich und erwiderte: „Ja, das stimmt.
Das Schluchzen verstummte abrupt. Mit gebeugten Haupt trat sie erneut zu ihm heran, nahm mit der unversehrten Hand den Krug und goss zitternd und wimmernd Bier in seinen Becher ein. Und gerade als sie den Krug absetzte, da umfasste er seinen Becher, wandte sich zu ihr um und schüttete ihr den Inhalt ins Gesicht, wobei er mit trockener Stimme sage: »Du hast Bier verschüttet.«


Baldur von Immenhort blickte noch immer nach draußen, während mein Blick erneut auf den Tisch fiel und ich wieder feststellte, dass das Stück Tuch, vielmehr sogar ein Stoffbündel, wirklich an eine Robe der Geweihten erinnerte. Unweigerlich glitten meine Finger über die Ährenstickerei. Und dann, ganz plötzlich, begriff ich: Ich hatte nichts falsch gemacht, ich sollte…
Sie schrie auf und zuckte zusammen, taumelte dabei einige Schritte zurück. Inzwischen zitterte sie am ganzen Körper.


„Ich… ich bin doch noch viel zu jung!“, meine Stimme zitterte, „Das ist... ist viel zu früh!“ Auch meine Finger zitterten. Ich war geschockt, denn das... das hatte ich nicht erwartet. Alles hatte ich erwartet, wirklich alles, aber... aber das?
»Du hast Bier verschüttet«, wiederholte er erneut, »Dein ganzes Kleid ist voll davon.« Seine Gefolgsmänner verstummten. »So etwas dulde ich an meiner Tafel nicht.« Da rappelte sie sich mühsam auf. Den Kopf hielt sie noch immer gesenkt. Das Bier tropfte an ihr herab. Alle Blicke lagen auf ihr. Sie ging rückwärts Richtung Tür. Nur noch wenige Schritte. Bald würde sie diesem Scheusal entkommen sein. Doch dann richtete er erneut das Wort an sie:  »Zieh es aus!«


„Nein, Lindegard“, Baldur von Immenhort bedachte mich mit einem sanften Blick, „Damals, als deine Lehrmeisterin dich zu uns in den Tempel brachte, stand es schlecht um dich. Keiner von uns glaubte aufrichtig daran, dass du es schaffen könntest. Eine Nacht verging. Es war bitterkalt, es war Winter. Und am nächsten Morgen, sah ich das zarte, helle Grün dort draußen zwischen dem Schnee hervorblitzen. Ein zartes Schneeglöckchen kämpfte sich ins Leben. Da keimte in mir die Hoffnung, dass du es ihm gleich tun würdest. Und so war es auch.“ Einen Moment schwieg er. „Dies ist der richtige Zeitpunkt. Unsere Herrin braucht uns. Ein jeden von uns. Sie braucht dich, Lindegard!“
Die Rotblonde versuchte zu entkommen, doch die beiden Getreuen des Ritters unweit der Tür, packten sie einfach. Mit roher Gewalt zerrten sie die Frau zu ihrem Herren. Sie wehrte sich, schlug und trat um sich, doch die Männer waren einfach stärker und nachdem sie sie bei ihrem rotblondem Schopf gepackt hatten, ließ ihre Gegenwehr nach. Vor dem Herrn zu Esenfeld wurde sie bäuchlings zu Boden geworfen.


== Storchenbiss ==
»Es gibt zwei Möglichkeiten«, meinte der Hausherr, erhob sich und trat auf die am Boden liegende zu. Ihr tränennasses Gesicht wandte sie von ihm ab. Sie wusste, was ihr drohte. Und auf Milde zu hoffen, war vergeblich. Ebenso auf Hilfe. »Entweder du tust es selbst oder...«, damit ließ er seinen Blick demonstrativ über seine Begleiter gehen, »... sie werden es tun.« Er hielt einen Moment inne. Und beugte sich zu ihr hinab. »Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen«, raunte er ihr zu, »Damit werden sie nicht aufhören.« Sie wimmerte. »Nun? Wie entscheidest du dich?«
'''[[Garetien:Stadt Schwarztannen|Stadt Schwarztannen]], im Tsa 1043 BF'''


In der Abgeschiedenheit dieses Raumes und meiner Göttin so nahe, erhielt ich meine Weihe. Ein Moment dem ich entgegengefiebert, aber der mich dann doch recht kalt erwischt hatte. Später erfuhr ich, dass Hochwürden zuvor [[Garetien:Perainidane von Erlenfall|Perainidane]] die Weihe erteilt hatte. Danach sah man ihn geraume Zeit erst einmal nicht mehr. Er war sehr erschöpft, hieß es nur. Zwei Novizen die Weihe kurz nacheinander zu erteilen, das sei in der Regel gar nicht möglich, doch die Herrin Peraine habe es so gewollte und nur weil es ihr Wille gewesen war, habe Hochwürden dies überhaupt vollbringen können.
Wimmernd und zitternd und bibbernd erhob sie sich. Ihr Gesicht von Tränen bedeckt. Und langsam, unter erstickten Schluchzen begann sie ihre Kleidung abzulegen. Und er begutachtete sie eindringlich. Musterte jedes Stück ihres Körpers, bis sein Blick an dem Brandmal an ihrer linken Brust hängen blieb. Eine Hand mit fünf abgespreizten Fingern – das Wappen der Familie Schwarztannen.


Viel änderte sich durch meine Weihe nicht. Ich tat noch immer dieselben Dinge, die ich auch als Novizin getan hatte, ich ging noch immer denselben Aufgaben nach, denen ich auch als Novizin nachgegangen war. Und doch gab es Veränderungen. Ich hatte die einfache grüne Kutte der Novizen gegen eine Robe der Geweihten getauscht. Mir gebührte nun die Anrede ''Euer Gnaden'', auch wenn alle lediglich ''Schwester Lindegard'' sagten. Doch eines, eines das änderte sich dann doch: Die Kraft meiner Herrin war in mir geweckt worden. Sie war, da war ich überzeugt, schon immer in mir gewesen, doch erst die Weihe hatte sie erweckt und nun, nun konnte ich sie auch nutzen. Bisher hatte ich das jedoch noch nicht getan, ihre Kraft sollte nur dann eingesetzt werden, wenn es ihrer wirklich bedurfte.
»Verschwinde!«, angewidert wandte er sich ab, »Verkommener Bastard.«


Es war inzwischen Tsa geworden und ich war gerade auf dem Rückweg von einer sehr schweren Geburt zurück in den Tempel, die Mutter hatte ich zusammen mit der alten Hebamme Hild, die ich noch immer als meine Lehrmeisterin bezeichnete, retten können, für das Ungeborene war es bereits zu spät gewesen, als in der Ferne ein feiner, heller Ton erklang. Er wehte von [[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]] herüber. Wenige Augenblicke darauf stimmte die Feuerglocke der Stadt mit ein. Doch der klassische Ausruf „Feuer“ fehlte, stattdessen riefen die Büttel: „Zu den Waffen! Bürger, zu den Waffen!“ Da wusste ich, dass es passiert war.
=== Brüder ===
ZSF03b: Der Vater hasst die Mutter der Knaben, doch das war nicht immer so.


Seit Hesinde belauerten sich [[Garetien:Grafschaft Waldstein|Waldsteiner]] und [[Garetien:Grafschaft Reichsforst|Reichsforster]] an den Grenzen der beiden Grafschaften. Von der Stadtmauer aus wollten die Stadtwachen, die man im letzten Mond bereits verdoppelt hatte, immer wieder die Waldsteiner erspäht haben, wie sie sich an der Grenze der Grafschaften herumtrieben und wohl auskundschafteten, wo sie am Besten einfallen konnten. Man hatte in Schwarztannen jene Kräfte zusammengezogen, die nicht in die Kämpfe mit der [[Garetien:Kaisermark Gareth|Kaisermark]] oder [[Garetien:Grafschaft Hartsteen|Hartsteen]] verwickelt waren, das waren allerdings nicht viele, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass man am anderen Ende der Grafschaft auch noch [[Garetien:Grafschaft Eslamsgrund|Eslamsgrund]] im Nacken sitzen hatte. Verschärft wurde das ganze in [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]] noch durch den Umstand, dass im Hesinde der Baron [[Garetien:Raulfried Haltreu von Schwarztannen|Raulfried Haltreu von Schwarztannen]] – Boron sei seiner Seele gnädig – bei der Vertreibung der Kaisermärker aus [[Garetien:Gräflich Rubreth|Gräflich Rubreth]] und der [[Garetien:Baronie Syrrenholt|Baronie Syrrenholt]] gefallen war. Auch seinem Bruder [[Garetien:Raulbrand Ughelm von Schwarztannen|Raulbrand Ughelm von Schwarztannen]] war es so ergangen. Gerade der Tod des Barons war so vollkommen unerwartet gekommen, dass seine Nachfolge noch nicht einmal geregelt war. Aber wer dachte auch schon daran, dass Golgari einen bald holen kam? Es war sein Bruder [[Garetien:Raulbrin Reto von Schwarztannen|Raulbrin Reto von Schwarztannen]], der seit diesem Tag zusammen mit seiner Mutter [[Garetien:Enria von Schwarztannen|Enria von Schwarztannen]] Scharfenstein hielt.
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF


Wenig später, da war ich gerade im [[Garetien:Tempel der eingebrachten Früchte zu Schwarztannen|Tempel]] angekommen, verbreitet sich die Kunde, das etwas zu Füßen der Waldsteiner [[Garetien:Weidburg|Weidburg]], aber im Gebiet des Reichsforstes, vorgefallen war. Hochwürden [[Garetien:Baldur von Immenhort|Immenhort]] schickte Perainidane von Erlenfall zusammen mit Schwester Theria um dort jene Leben zu retten, die es noch zu retten gab, ganz gleich auf welcher Seite. Zum Abschied schloss ich meine Glaubensschwester in die Arme und raunte ihr mit Tränen in den Augen ins Ohr: „Halt dich bloß von Golgari fern, Perainidane!“
Der [[Garetien:Ardo von Schwarztannen|Herr zu Esenfeld]] blieb über Nacht, denn der Zorn Efferds – viele eher Rondras, wenn man dem leisen Wispern der Bediensteten hinter vorgehaltener Hand glaubte – verzog sich nicht so schnell. Lange grollte es bedrohlich. Der Himmel in ein giftiges dunkles Grün getaucht. Und Blitz um Blitz zuckte herab. Einer setzte sogar die große, mächtige Eiche im Innenhof Esenfels in Brand. Erst da erlaubte der Herr, die [[Garetien:Algerte Phexlieb von Schwarztannen|Hausherrin]] endlich fortzuschaffen und das auch nur, weil sie im Weg lag, nicht etwa aus ... Mitleid, wie er wiederholt betonte.


Sie lachte und erwiderte: „Der Storchenbiss in meinem Nacken reicht mir, [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Lindegard]], einen von Golgari brauche ich nicht auch noch.
Und erst als die Herrschaft schlief, hatte die rotblonde Zofe der Hausherrin es gewagt, nach einem Diener der Herrin Peraine aus Salzungen zu schicken. Indes saß die [[Garetien:Waad|Zofe]] der Verletzten an deren Bett, hielt ihre reglose und kalte Hand in der eigenen und musterte ihr ausdrucksloses, blasses Gesicht. [[Garetien:Moribert von Schwarztannen|Moribert]] krabbelte der Frau mit dem rotblondem Haar und den grünen Augen auf den Schoß und schmiegte sich dicht an sie. Den noch freien Arm legte sie um den Knaben und hauchte ihm anschließend einen Kuss aufs Haar. Gishelm indes trat neben sie an das Bett seiner Mutter.


== Luringan ==
»Ist das wirklich unser Vater?«, hob [[Garetien:Gishelm Rondrawin von Schwarztannen|Gishelm]] hoffnungsvoll an, »Sag, dass er es nicht ist, Waad. Sag es! Bitte!«
Gegeben im Tsa 1043, zu Füßen der [[Garetien:Weidburg|Weidburg]]


{{Brief
Sie schluckte schwer und schüttelte traurig ihren Kopf. »Er ist euer Vater.« Ihr Stimme war ganz warm und weich. Gänsehaut jagte Gishelm Rücken hinab. »Ardo von Schwarztannen-Scharfenstein ist euer Vater. Und du, Gishelm , bist sein Erbe.«
|Adressat=An Ihre Gnaden [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Lindegard Tempeltreu]], [[Garetien:Tempel der eingebrachten Früchte zu Schwarztannen|Tempel der eingebrachten Früchte]], [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannen]]
Liebste Schwester,


|Text=es war, wie wir vermutet hatten: Die [[Garetien:Grafschaft Waldstein|Waldsteiner]] haben versucht in [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]] einzufallen, dass es ihnen nicht recht gelungen ist, ist einzig und allein den wenigen, aber tapferen Reichsforstern geschuldet, die die Waldsteiner so lange beschäftigt haben, bis das Auftauchen des Greifen [[Garetien:Luringan|Luringan]] die Kämpfe zum Erliegen brachte, obgleich keiner von ihnen wissen konnte, dass er kommen und ihnen Beistehen würde.
»Ich will nicht, dass er mein Vater ist!«, entfuhr es dem Knaben da, »Ich will nicht sein Sohn sein. Erst recht nicht sein ...« Ihm fröstelte. »Erbe.«


Es ist nicht so, dass ich ihn selbst gesehen habe, aber die Schilderungen der Reichsforster waren diesbezüglich eindeutig und stimmten so sehr überein, dass es keinen Zweifel gab. Er war es gewesen, Lindegard. Der Greif Luringan hat ihnen beigestanden. Was für ein Zeichen!
Verständnisvoll nickte Waad.


Das Aufeinandertreffen hier zu Füßen der Weidburg war kurz, aber heftig gewesen. Die Reichsforster wurden von [[Garetien:Raulward Sigwulf von Schwarztannen|Raulward Sigwulf von Schwarztannen]] angeführt, der – vielleicht hast du es bereits gehört – gleich in den ersten Augenblicken so schwer verwundet wurde, das wir nichts mehr für ihn tun konnten. Es ist bereits der dritte Tote in seiner [[Garetien:Familie Schwarztannen|Familie]] und mein erster Toter, der in einem solchen Gefecht starb. Freilich habe ich schon Tote gesehen, so wie auch du, doch unsere Toten starben meist aufgrund von Krankheit oder ihres hohen Alters, dieser hier jedoch wurde umgebracht. Ja, Lindegard, es war Mord. In einem Kampf zu sterben ist immer Mord, zumal die Reichsforster in der Unterzahl waren.
»Kann nicht jemand anders unser Vater ein?«


Schwester Theria huschte etwas über das Gesicht, das ich bisher noch nie bei ihre gesehen hatte. Ob es das Grauen war? Diese Fehde bringt Elend über uns, über uns alle und sie verlangt von uns, die wir Geweihte der Herrin Peraine sind, dass wir helfen, wem wir helfen können, ganz gleich auf welcher Seite. Ich fürchte mich vor jenem Augenblick, da ich auch den Feinden des Reichsforstes helfen muss. Es hört sich so leicht an, doch das ist es nicht.
»Nein«, erneut schüttelte sie den Kopf, »Das geht nicht. Ihr seid seine Kinder. Es gibt keine Zweifel. Ihr seid sein Fleisch und Blut. Und das ist es, was zählt.«


Wenn unsere Arbeit hier getan ist, werden Schwester Theria und ich nach [[Garetien:Dorf Steinhude|Steinhude]] aufbrechen. Es ist anzunehmen, dass sich die Waldsteiner nicht an [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannen]] oder [[Garetien:Burg Scharfenstein|Scharfenstein]] herantrauen, sowohl Stadt als auch Burg sind zwar nicht uneinnehmbar, aber durch ihre Mauern gut geschützt und nur schwer direkt anzugreifen. Wir glauben, wir können hier mehr tun. Die [[Garetien:Familie Dachshag|Familie Dachshag]] wird uns aufnehmen.
Einige Tränen liefen dem Knaben über das Gesicht und trotzig erwiderte er: »Ich will das aber nicht. Ich will nicht, dass dieser Mann mein Vater ist. Ich will das nicht.«


Wir werden uns erst einmal nicht wieder sehen, Lindegard. Doch wenn wir beide in die Sterne blicken, so wie du es bei deiner Geburt getan hast, dann werden wir uns nahe sein, Sternguckerin. So werden wir die Zeit überstehen und der anderen immer nahe sein, so lange bis wir uns wieder in die Arme schließen werden.
»Ich weiß, Gishelm, und ich verstehe dich. Sehr gut sogar.«


|Absender=Deine Schwester
Seit der Geburt der Knaben des jüngeren der beiden Knaben war Waad immerzu um Algerte gewesen. Abends hatte sie mitgeholfen, die Knaben in den Schlaf zu wiegen, ihnen tulamidische Schlaflieder vorgesungen, Geschichten aus ihrer Heimat erzählt, war bei ihren ersten Schritten, ja bei ihren ersten Worten dabei gewesen. Sie hatte gemeinsam mit ihnen Esenfeld entdeckt. War in Bäume geklettert und hatten im Mühlbach geplantscht und im Wald getobt. Und wenn die Beine der Kinder zu schwer waren von den vielen Abenteuern, dann hatten sie sie nach Hause getragen. Abwechselnd natürlich. Sie war immerzu für die Knaben da gewesen. Immer. Jederzeit. Ja, sie war weitaus mehr als eine Zofe. Sie war eine Vertraute. Für die Hausherrin und ihre Kinder.


[[Garetien:Perainidane von Erlenfall|Perainidane]]
»Hasst er uns?«, riss Gishelm die Rotblonde aus ihren Gedanken. Unruhig verlagerte der Knabe das Gewicht von einem auf das andere Bein. Einen Moment blickte sie auf den Knaben in ihren Armen. Der ruhige und regelmäßige Atem verriet, dass er eingeschlafen war. »Hasst er uns?«, wiederholte der ältere der Knaben.
}}


== Erneut ==
»Nein«, versicherte sie sanftmütig, »Nein, er hasst euch nicht. Nicht seine Söhne. Seine Erben. Nein, gewiss nicht. Ich denke sogar...« Sie hielt einen Moment inne. Wirkte angespannt.
Gegeben Anfang Phex 1044, unweit von [[Garetien:Dorf Steinhude|Steinhude]]
»... dass er euch liebt. Auf seine... hm... eigene Art.« Waad zog ihre Augenbrauen nach oben. »Sicherlich. Er liebt euch. Da bin ich sicher.«


{{Brief
Doch Gishelm beruhigte das nicht: »Hasst er ... hasst er Mutter?«
|Adressat=An Ihre Gnaden [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Lindegard Tempeltreu]], [[Garetien:Tempel der eingebrachten Früchte zu Schwarztannen|Tempel der eingebrachten Früchte]], [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannen]]
Liebste Schwester,


|Text=es ist wieder passiert. Wieder haben sie es versucht. Dieses Mal bei [[Garetien:Burg Goblau|Goblau]], gelungen ist es ihnen jedoch auch dieses Mal nicht. Man hat sie rechtzeitig bemerkt und konnte einen Einmarsch verhindern. Folgenlos blieb dieses kurze aufeinandertreffen jedoch auch dieses Mal nicht. Wieder hatten wir Reichsforster Tote zu beklagen, darunter auch [[Greifenfurt:Frumol von Keilholtz|Frumol von Keilholtz]].
Waad konnte nicht anders, sie konnte nur nicken. Und dann, nach einem erschreckend langen Augenblick, in dem sie schwieg und die Hausherrin ernst betrachtete, hauchte sie so leise, dass es gerade so zu verstehen war: »Es war nicht immer so, Gishelm. Er war nicht immer so. Sie waren einander sehr zugetan. Ungleich, doch irgendwie glücklich. Doch dann ist Algerte etwas Schreckliches passiert. Etwas Entsetzliches.«


Ich weiß nicht, wie lange das noch so weitergehen soll. Es zermürbt mich bereits jetzt. Ich beginne am Werk der Götter zu zweifeln. Was hat unsere Herrin mit uns nur vor? Warum stürzt sie uns in dieses Gefecht herein? Wir sind dafür noch nicht gemacht, wir sind noch zu jung um diesem Gräuel gegenüber zu treten! Bereits jetzt haben mich die Ereignisse verändert und es ist anzunehmen, dass beides voranschreitet, was wird dann noch von mir bleiben?
Gänsehaut erfasste den gesamten Körper des Knaben. So hatte er Waad noch nie sprechen hören. So voller Grauen. Und weil sie nicht mehr sagte, wusste der Knabe, dass es etwas wirklich Schreckliches gewesen sein muss.


Ach, Schwester, ich finde keine Worte um auszudrücken, wie sehr ich dich vermisse. An jedem Abend schaue ich in die Sterne, denn nur dann, fühlte ich mich dir nahe, Sternguckerin.
=== Geweihte ===
ZSF04: Eine Geweihte der Peraine kommt (unerwartet) nach Esenfeld.


|Absender=Deine Schwester
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF


[[Garetien:Perainidane von Erlenfall|Perainidane]]
Wenig nach dem Morgengrauen traf eine [[Garetien:Peralina Tempeltreu|Geweihte der Herrin Peraine]] aus Salzungen ein. Zwar missfiel ihr Erscheinen dem Hausherren zutiefst, aber er wusste sehr wohl, dass man einen Diener der Zwölfe nicht ohne weiteres abwies. Und so tat er das, was von ihm erwartet wurde.
}}


== Drego ==
»Peraine mit Euch, Euer Hochwürden« grüßte er sie demütig und beugte ganz leicht sein Haupt. Mit einer einladenden Geste bat er sie in das Gebäude hinein. »Habt Dank für Euer Kommen, auch wenn es nicht notwendig gewesen wäre, dass ihr persönlich erscheint.«
'''[[Garetien:Tempel der eingebrachten Früchte zu Schwarztannen|Tempel der eingebrachten Früchte]], [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Stadt Schwarztannen]], Mitte Phex 1043 BF'''


Immer wieder erklang die Feuerglocke Schwarztannens. Durchdringend hallte ihr Geläut über die Stadt hinweg, rief nicht nur die Bürger zu den Waffen, sondern warnte auch alle Umliegenden vor einem möglichen nahenden Angriff der [[Garetien:Waldsteiner Traditionalisten|Waldsteiner]].
Die ältere Geweihte nickte sanftmütig. Eine Strähne ihres kurzen, grauen Haares fiel ihr ins Gesicht. Sie strich es sich wieder zurück. »Sorgte Euch nicht, Hochgeboren. Wie ein jeder von uns, bin auch ich nur eine Dienerin und deswegen diene ich«, erwiderte sie und fügte unnötigerweise noch hinzu: »So wie auch Ihr nur ein Diener unter dem Angesicht der Götter seid.«


Seit der „Schlacht im Greifen“, wie man jenes Aufeinandertreffen zwischen den Waldsteinern und den [[Garetien:Grafschaft Reichsforst|Reichsforstern]] zu Füßen der [[Garetien:Weidburg|Weidburg]] inzwischen nannte, war es ruhig. Erstaunlich ruhig. Im Tempel nutzten wir die Zeit um uns auf das Schlimmste vorzubereiten. Keiner von uns glaubte, dass es so ruhig bleiben würde, viel mehr handelte es sich dabei wohl um die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Noch ließ der Sturm jedoch auf sich warten.
Ardo von Schwarztannen blickte die Geweihte schweigend und nahezu reglos an. In seinen Augen funkelte Zorn. Unangenehme Stille breitete sich aus.


In Schwarztannen gewöhnten wir uns an das wiederholte Läuten. Inzwischen war es so alltäglich, wie der Aufgang der Praiosscheibe. Das Leben ging weiter und doch verharrte es auf eine gewisse Art und Weise, zwar war ein Angriff auf die Stadt recht unwahrscheinlich, aber konnte man sich dessen sicher sein? Ein jeder harrte der Dinge die da kamen. Und sie kamen.
»Seid doch so gut«, ergriff die Geweihte nun wieder das Wort, »und bringt mich zu Eurer werten Gattin, damit ich sie mir ansehen kann.«


Anfang Phex ging das Gerücht in Schwarztannen um, dass [[Garetien:Drego von Luring|Graf Drego]] den Baronsreif an einen bis jetzt gänzlich unbekannten Ritter verliehen habe, der denselben Namen trage. Die [[Garetien:Familie Schwarztannen|Familie Schwarztannen]] war außer sich, schließlich hatten sie fest damit gerechnet, dass die Baronie in den Händen ihrer Familie bleiben würde. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass die Schwarztannener ernsthaft überlegten, das Tor [[Garetien:Burg Scharfenstein|Scharfensteins]] geschlossen zu halten und so den neuen Baron dazu zu zwingen sich nehmen zu müssen, was den angeblich seines sein solle. Weitere Gerüchte gingen um, die sich später als wahr herausstellen sollten: Noch bevor [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]] auch nur einen Fuß nach [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]] gesetzt hatte, hatte er [[Garetien:Xerber von Cronenfurt|Xerber von Cronenfurt]] mit [[Garetien:Junkertum Baringen|Baringen]] und [[Garetien:Rondrara von Treleneck|Rondrara von Treleneck]] mit [[Garetien:Herrschaftlich Esenfeld|Esenfeld]] belehnt. Beide Güter waren zuvor in der Hand der Familie Schwarztannen gewesen. Es rumorte gewaltig in Scharfenstein. Und als er dann Mitte Phex in Schwarztannen eintraf, der neue Baron, blieb das Tor Scharfensteins geschlossen. Die Praios-Kirche hatte einen erheblichen Anteil daran, dass es nicht so blieb. Hochwürden aus Schwarztannen war ein harter Mann, er zwang die Schwarztannener in die Knie. So hieß es zumindest später. Doch wer konnte schon in diesen Zeiten sagen, was Wahrheit war und was nicht?
Der Hausherr nickte nur mürrisch, bot der Hochgeweihten seinen Arm an und schritt mit ihr voran. Und während sie miteinander gingen, wollte sie von ihm wissen: »Ist meine gute Freundin Algerte wieder einmal gestürzt, Hochgeboren?«


Als Ende Phex dann erneut der Klang der Glocke über Schwarztannen hinweg hallte, war ich gerade dabei einen der Kranken in dem kleinen Spital in unserem Tempel zu versorgen. An den Klang hatte ich mich inzwischen gewöhnt und so glaubte ich, dass es nur wieder eine dieser vermeintlichen Warnungen sei, wie es sie beinahe täglich gegeben hatte. Als [[Garetien:Baldur von Immenhort|Hochwürden]] jedoch zu mir kam, da wusste ich, dass dem nicht so war.
»Ein bedauerlicher Unfall«, erwiderte er ihr trocken und vermied es sie anzusehen, »Wieder einmal, Hochwürden.«


„Hinter [[Garetien:Markt Tannhus|Tannhus]] ist etwas vorgefallen“, raunte er mir leise zu, „Du wirst sofort aufbrechen, [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Lindegard]]. Du wirst Baron Drego begleiten und ihm zur Seite stehen.
»Hm«, machte die Geweihte da nur und legte die Finger ihrer freien Hand an ihr Kinn, »Meine gute Freundin ist seit damals einfach nicht mehr sie selbst.« Sie seufzte schwer und schaute betrübt drein. »Armes Kind.« Sie hielt einen Moment inne. »Phex sei Dank hat sie Eure beiden Söhne an ihrer Seite. Sie liebt sie sehr. Vor allem, da...« Sie verstummte.


So lernte ich ihn kennen, den neuen Baron. Er war ein hochgewachsener Ritter, der in seine neue Rolle noch nicht recht hineinpasste. Er kam auch nicht allein. Unter seinen Begleitern waren die Ritter [[Garetien:Albur von Nordingen|Albur von Nordingen]], [[Garetien:Fael ui Rian|Fael ui Rían]] und [[Garetien:Yolande von Pranteln|Yolande von Raukenfels]], sowie die Knappen [[Garetien:Eylrun von Erlenfall|Eylrun von Erlenfall]], [[Garetien:Elene von Immenhort|Elene von Immenhort]], [[Garetien:Jast Helmbald von Schwippingen|Jast Helmbald von Schwippingen]] und der Page [[Garetien:Blasius von Gerbachsroth|Blasius von Gerbachsroth]]. Auch sie lernte ich alle bald darauf kennen.
Der Hausherr schwieg.


== Rauch ==
»Vermutlich werdet Ihr nicht lange bleiben, Hochgeboren?«, fuhr sie fort.
'''[[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]], Ende Phex 1043 BF'''


„Da hinten liegt [[Garetien:Dorf Doriant|Doriant]]“, ich deutete in Richtung des über dem [[Garetien:Tannenwäldchen|Tannenwäldchen]] aufsteigenden Rauches.
»Ich bedauere, aber Ihr habt recht«, erwiderte er ihr, »Ich bin nur gekommen, um meine Söhne zu holen.«


„Dann sind sie schon dort“, schloss [[Garetien:Albur von Nordingen|Albur von Nordingen]], der einst als Hausritter auf [[Garetien:Pfalzgräflicher Hof zur Randersburg|Randersburg]] gedient hatte.
Die Geweihte blieb abrupt stehen und schaute ihn lange, ohne ein einziges Wort zu sagen, an. Stoisch hielt er ihren Blick.


Mit trockener Kehle erwiderte ich lediglich: „Ja.
»Hochwürden«, ergriff er nun das Wort, »Ich muss mich jetzt nun wirklich empfehlen. Mein Bruder erwartet mich dringend auf Burg Scharfenstein.«


„Ihnen in den Rücken zu reiten, wäre Irsinn“, meinte [[Garetien:Yolande von Pranteln|Yolande von Raukenfels]], „Die Gefahr ist zu groß, dass sie Verstärkung aus Waldstein erhalten und uns zwischen ihren Fronten aufreiben.“
»Ich verstehe«, damit löste sie sich aus seinem Arm, »Werdet Ihr beide Knaben mit Euch nehmen?«


[[Garetien:Drego von Altjachtern|Drego von Altjachtern]] nickte zustimmend: „Was schlagt Ihr vor?“
»Sicherlich. Es ist Zeit, dass sie das Leben am Hofe kennenlernen.«


„Wir reiten ihnen entgegen und versuchen schlimmeres zu verhindern“, antwortete die Ritterin, die bis vor kurzem noch im [[Garetien:Reichsforster Grafenbann|Reichsforter Grafenbann]] unter [[Garetien:Nimmgalf von Hirschfurten|Nimmgalf von Hirschfurten]] – den selbstredend jedes Kind kannte – gedient hatte und auf deren Rat Baron Drego großen Wert zu legen schien. „Ihr habt erwähnt, es sei nicht der erste Übergriff, Euer Gnaden?“
»Auch Moribert? Er scheint mir noch recht jung.«


„Ja“, meine Kehle war noch immer trocken, „Das erste Mal haben sie es zu Fuße der [[Garetien:Weidburg|Weidburg]] – zwischen [[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]] und dem [[Garetien:Dorf Steinhude|Dorf Steinhude]] - versucht. Wenig später unweit von [[Garetien:Burg Goblau|Goblau]] – zwischen [[Garetien:Dorf Steinhude|Steinhude]] und [[Garetien:Markt Rallingen|Rallingen]]. Es ist ihnen jedoch kein einziges Mal gelungen nach Schwarztannen einzufallen. Bis jetzt.
»Beide«, entgegnete er ihr nur mit unnachgiebigem Blick, »Tut, was Eure Herrin von Euch verlangt. Ich muss tun, was mein Herr von mir verlangt. Peraine mit Euch, Hochwürden.« Damit wollte er sich verabschiedete, wandte sich jedoch noch einmal um: »Sag, wer genau hat denn nach Euch geschickt?« Ein grausames Lächeln legte sich über seine Lippen. Sie zog die Augenbrauen belehrend nach oben und entgegnete lediglich: »Meine Herrin.«


Nachdenklick nickte sie ehe sie frage: „Und wie viele waren es?“
=== Gefehlte ===
ZF05: Die Geweihte der Herrin Peraine sieht einen Ausweg.


„Dass kann ich Euch nicht sagen, da ich nicht vor Ort war“, ich zuckte mit den Schultern, „Meine Glaubensschwester [[Garetien:Perainidane von Erlenfall|Perainidane]] war dort und hat mir davon berichtet.“ Und etwas leiser und ein wenig flehend fügte ich hinzu: „Und bitte, bitte sagt nicht immerzu ''Euer Gnaden''. Sagt ''Schwester Lindegard''. Das tun alle hier. Einfach ''Schwester Lindegard'', ja? Mit dem ''Euer Gnaden'' kann ich mich einfach nicht anfreunden...“
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF


Und da war mir als huschte über jedes ihrer Gesichter ein kurzes Lächeln.
»Was ist genau vorgefallen?«, wollte die Geweihte von der rotblonde Zofe wissen, als sie am Bett der Verletzten stand und auf den blutigen Verband um deren Kopf blickte.


„Wir sollten uns jetzt aber wirklich eilen“, mischte sich [[Garetien:Fael ui Rian|Fael ui Rían]] ein, der einst Hausritter auf [[Garetien:Hof der Landvögte von Rubreth|Rubreth]] gewesen war.
Die junge Frau schauten betreten drein und blickten zu Boden. Kein Wort verließ ihre zitternden Lippen. Sie wusste, dass ein jedes Wort ihr das Leben nur noch schwerer machte. Der Hausherr, nachdem er ihre wahre Herkunft erfahren hatte, war sicher nicht gut auf sie zu sprechen. Bisher hatte sie jede Begegnung mit ihm vermeiden können. Dafür hatte ihre Herrin gesorgt. Und sie war froh darüber gewesen, aber nun? Nun würde sie seinen Demütigungen und Grausamkeiten schutzlos ausgeliefert sein. Sie hatte genug Geschichten gehört. Waad wusste sehr gut, zu was er fähig war, selbst wenn nur ein Bruchteil der Gerüchte stimmte. Jede noch so kleine Verfehlung würde der Hausherr hart bestrafen. Und jede ihrer Verfehlungen war auch eine Verfehlung der Hausherrin, seiner Frau.


Baron Drego nickte schweigend.
Die Geweihte seufzte.  


„Und...“, die Raukenfelserin warf mir einen vielsagenden Blick zu, „... was ist mit Euch, [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Schwester Lindegard]]?
»War er es?«, wollte sie nach Abreise des Hausherren mit strengem Blick wissen, »Hat er sie so zugerichtet? Mal wieder?«


„Oh, sorgt Euch mal nicht um mich“, wiegelte ich da ab, „Ich werde Euch zu Fuß nachfolgen.“ Die Ritter, [[Garetien:Eylrun von Erlenfall|Knapp]][[Garetien:Elene von Immenhort|e]][[Garetien:Jast Helmbald von Schwippingen|n]] und der [[Garetien:Blasius von Gerbachsroth|Page]] waren allesamt beritten. „Reitet nur voran, tut Eure Pflicht, ich werde anschließend die meine tun, nachdem ihr Eure tatet...
Die Zofe schauten auf die Füße der Geweihten. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen.


Daraufhin ritten sie davon.
»Bei Peraine!«, seufzte sie. »Schon gut«, sie winkte ab, »Ich habe schon verstanden. Es ist ja nicht so, als wäre ich das erste Mal hier.« Nachdenklich begann sie ihre Schläfe zu massieren. »Warum nur, Algerte? Warum nur?« Sie prüfte ihre Atmung. Ihre Reflexe. Zog die Augenlider nach oben. Da begann sie mit gekonnten Fingergriffen den Verband um den Kopf der Hausherrin zu lösen, die Wunde in Augenschein zu nehmen, sie zu säubern, zu nähen und neu zu verbinden. So kümmerte sie sich um alle Wunden. Die Zofe ging ihr dabei zur Hand.  »War sie die ganze Zeit über bewusstlos?«


== Verloren ==
Waad nickte stumm.
'''[[Garetien:Dorf Doriant|Dorf Doriant]], Ende Phex 1043 BF'''


Doriant war verloren. Daran konnten auch [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]] und seine Begleiter einfach nichts mehr ändern. Die [[Garetien:Waldsteiner Traditionalisten|Waldsteiner]] waren einfach zu viele. Vollkommen unerwartete hatten sie die [[Garetien:Grafschaft Reichsforst|Reichsforster]] Truppen erwischt, schienen den rechten Moment abgepasst zu haben und hatten die Gunst der Stunde genutzt. Die Ritter um Drego sicherten noch den Rückzug der Reichsforster Truppen hinter den [[Garetien:Mühlbach in Schwarztannen|Mühlbach]] ab. Vermutlich wäre das nicht notwendig gewesen, aber sie taten es trotzdem, denn die Waldsteiner plünderten lieber Doriant anstatt die Reichsforster zu verfolgen. Ritterlich war das für mich nicht, aber was verstand ich schon von Ritterlichkeit?
»Das ist vielleicht kein gutes Zeichen«, erklärte sie. Die Rotblonde blickten zu ihr. Die Geweihte wusch sich die Hände. Trocknete sie an einem Tuch. »Wir werden abwarten müssen. Ich werde bleiben. Den Beistand der Herrin Peraine erbitten. Aber ich habe kein gutes Gefühl dabei. Ich .... « Sie schluckte. »Ich habe Angst, dass...«


Mit [[Garetien:Gerbald von Luring-Schneitzig|Gerbald von Luring-Schneitzig]] versorgte ich die Verwundeten. Es gab viele. Für einige konnten wir leider nur wenig tun, für manche sogar gar nichts mehr. Wir hatten bereits Tote zu beklagen, unter ihnen [[Garetien:Bolzer von Nadoret |Bolzer von Nadoret]]. Ein einziger Tag hatte genügt, um verheerendes in Schwarztannen anzurichten. Von Waldstein aus waren sie über [[Garetien:Dorf Wegscheide|Wegscheid]] bis nach Doriant eingefallen und hatte vermutlich bereits jetzt mehr geplündert als sie wegschaffen würden können.
»Was solle ich denn tun, Peralina?«, wandte sich Waad sichtlich verzweifelt an die Geweihte.


Zusammen mit [[Garetien:Yolande von Pranteln|Yolande von Raukenfels]] versuchte Baron Drego mit ihnen zu verhandeln, um einen Abzug der Waldsteiner zu bewirken, doch [[Garetien:Irberod von Leustein|Irberod von Leustein]] und [[Garetien:Hermine von Alka|Hermine von Alka]] wollten nicht reden. Sie wollten plündern. Einfach nur plündern. Es genügte ihnen dabei nicht, dass Drego ihnen eine erhebliche Kriegsbeute anbot, sollten sie wieder abziehen. Vielleicht ließen sie sich nicht darauf ein, weil sie sehr wohl wussten, dass man ihnen hier in Schwarztannen nicht viel entgegensetzten konnte. Ob sie hofften mehr durch das Plündern zu erbeuten als durch Verhandlungen? Es hatte etwas mit dem Schiedsspruch zu tun, so sagte man mir.
»Du?«, sie schüttelte den Kopf, »Du tust alles, was in deiner Macht steht. Dies jedoch...« Sie deutet mit einer Geste um sich herum. »... steht nicht in deiner Macht.« Energisch nickte sie. »Es ist an der Zeit, dass sie endlich Schutz bei den Zwölfen sucht.« Mit ernster Miene betrachtete sie die Zofe. »Unter ihrem Schutz wird er es nicht wagen, Hand an sie zu legen, ganz gleich, wie viel Schuld sie zuvor auf sich geladen hat. Die Götter werden schützend ihre Hand über sie halten. In jedem Kloster, in jedem ihrer Tempel wäre sie sicher.«


[[Garetien:Fael ui Rian|Fael ui Rían]] und [[Garetien:Albur von Nordingen|Albur von Nordingen]] sprachen unterdessen mit jenen, die bei dem verhängnisvollen Aufeinandertreffen mit dabei gewesen waren. Dass sie tapfer gekämpft hatten, war auch für mich offensichtlich, aber dennoch muss es für sie niederschmetternd gewesen sein. All ihre Mühe hatte sich nicht ausgezahlt. Sie hatten verloren. Die Erkenntnis war bitter genug, noch bitterer war jedoch, dass es sehr wahrscheinlich nicht das letzte Mal sein würde, dass die Reichsforster sich zurückziehen mussten. Die Stimmung war schlecht. Baron Drego hatte alle Mühe seine kläglichen Truppen zusammenzuhalten, er schaffte es nur, weil die Ritter - allen voran die Raukenfelserin - an seiner Seite ihm beistanden. Ohne sie hätten sich die restlichen Reichsforster vermutlich an dieser Stelle zerstreut und die Waldsteiner hätten ohne jegliche Gegenwehr auch noch den Rest Schwarztannens plündern können.
»Eingesperrt wäre sie«, meldete sich Waad zu Wort, »Könnte diesen Ort nie wieder verlassen, ohne seinen Zorn zu spüren zu bekommen. Und das schlimmer als jemals zuvor. Nie wieder ihre Söhne sehen.«


== Wahrheit ==
»Leben muss bewahrt werden. Um jeden Preis. So lehrt es meine Herrin. Und genau das gilt auch für Algerte.« Sie hielt einen Moment inne. »Ihr Tod nutzt nur einem.«
'''zwischen [[Garetien:Dorf Doriant|Doriant]] und [[Garetien:Dorf Perainewiesen|Perainewiesen]], Ende Phex 1043 BF'''


„Es ist schön, dass Ihr gekommen seid, Schwester [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Lindegard]]“, erklärte mir mein Glaubensbruder [[Garetien:Gerbald von Luring-Schneitzig|Gerbald von Luring-Schneitzig]] am späten Abend. Wir hatten getan, was wir hatten tun können, nun mussten wir warten. Abwarten. Ich war zwar müde, aber an Schlaf war nicht zu denken. Mir gingen so viele Dinge durch den Kopf. „Als im Hesinde klar wurde, dass die Waldsteiner kommen werden, da habe ich an Hochwürden Immenhort geschrieben und darum gebeten Euch zu schicken. Und nun seid Ihr hier...“
Die junge Frau nickten betrübt.


Er schenkte mir einen freundlichen Blick.
»Aber welcher Tempel würde ihr Schutz gewähren?«, warf Waad ein, »Ganz Schwarztannen weiß was damals geschehen ist. Die Menschen haben sich die Mäuler über sie zerrissen. Noch heute...« Ihre zitternde Stimme brach.


„Hat es einen Grund“, hob ich an, „Warum Ihr ausgerechnet nach mir gefragt habt?“
Peralina zuckte mit den Schultern: »Bis heute kann ich nicht sagen, wem ich wirklich glauben schenken kann.« Sie leckte über ihre Lippen. »Das Urteil war jedoch eindeutig.« Nun nickte sie. »Es gibt nur eine Kirche, die hier in der Baronie einen Tempel ihr eigen nennt und wenig auf die Ereignisse auf Dere gibt. Nur eine.«


Nun lachte er: „Was ich so gehört habe, seid Ihr eine willensstarke, junge Frau zu sein. Zumindest erzählt man sich das von Euch. Ihr habt Hochwürden viel abgerungen und interessanterweise hat er Euch das auch durchgehen lassen. Und wer sollte besser mit dem Elend hier umgehen können als Ihr?“
== Weißer Rabe ==


„Wisst Ihr... wisst Ihr was passiert ist, dass sich die Hebammen und die Peraine-Geweihten in [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannen]] nicht ausstehen können?“
=== Dunkelheit ===
ZFS: Langsam kommt Algerte wieder zu Bewusstsein, doch noch umfängt sie Dunkelheit.


„Man hat es Euch nicht gesagt?“
[[Garetien:Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle|Tempel des Weißen Raben]] zu Hexenmühle, Rahja 904 BF


Ich schwieg.
Als [[Garetien:Algerte Phexlieb von Schwarztannen|sie]] erwachte war es still um sie herum. Still und dunkel. Die Luft war von Weihrauch erfüllt. Sie versuchte sich zu orientieren. Zu begreifen wo sie war. Aber sie wusste es nicht. Es war zu dunkel. Sie versuchte aufzustehen, aber ihre Glieder waren so unendlich schwer. So versuchte sie ihren Kopf zu heben, doch auch das schaffte sie nicht. Schmerzerfüllt sank sie zurück in das weiche Kissen und atmete angestrengt ein und aus. Ihr Kopf schmerzte. Sie biss die Zähne zusammen. Und erst da bemerkte sie: Sie war nicht allein.


Der Geweihte seufzte: „Dann ist nun die Zeit der Wahrheit wohl gekommen. Wenn nicht jetzt, wann denn dann? Ich weiß es nicht genau, aber... aber man erzählt sich Folgendes: Hochwürden hatte wohl eine Liason mit Folgen. Über die Frau kann ich Euch nichts berichten. Ich kann Euch auch nicht sagen, wie ernst es den beiden war oder ob es nur das berühmte eine mal gewesen ist. Wie dem auch sei, keiner wusste von ihr. Weiter wusste auch keiner, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Es ist noch nicht einmal sicher, ob er selbst von diesem Umstand wusste. Anzunehmen, dass dem nicht so war. Und als die Stunde ihrer Niederkunft kam, da war Eure Lehrmeisterin, die alte Hild, an ihrer Seite. Die Geburt muss wohl sehr schwer und äußerst schwierig gewesen sein. Als das Leben von Mutter und Kind in Gefahr zu geraten drohte, da schickte sie nach einem Peraine-Geweihten. Es kam – das ist nicht schwer zu erraten, die Götter haben einen seltsamen Humor – [[Garetien:Baldur von Immenhort|Baldur von Immenhort]], der damals noch nicht Prätor war, sondern lediglich ein einfacher Geweihter. Doch er kam zu spät. Mutter und Kind waren tot. Sein Kind war tot.
Sie lag in einem Bett, das begriff sie jetzt. Und an ihrem Bett, da saß jemand. Auf der Bettkante saß jemand. Eine Gestalt. Dunkel zeichneten sich ihre Umrisse gegen die sie umgebende Finsternis ab. Ein Schatten. Mehr nicht. Ohne Gesicht. Bestehend aus Dunkelheit. Aus Finsternis. Doch sie hatte keine Angst. Keine Furcht.


Er machte eine Pause.
Der Schatten beugte sich über sie. Eine Hand oder vielleicht doch eher ein Flügel streifte über ihre Stirn. Ganz weich und anschmiegsam. Da wurden ihre Lieder so schwer, dass sie einfach zufielen. Der Schmerz wich zurück. Und ihr Bewusstsein auch.


„Der Immenhorter warf der Hebamme vor, zu lange gewartet zu haben. Er gab ihr die Schuld am Tod seines Kindes. Er glaubte, wenn sie ihn nur früher gerufen hätte, dann hätte er sie retten können, sie und sein Kind. So waren beide gestorben. Die Hebamme jedoch rechtfertigte sich, sie habe alles getan, was sie hatte tun können. Sobald sie gemerkt habe, dass Mutter und Kind in Lebensgefahr schwebten, habe sie nach einem Geweihten geschickt. Diese Einschätzung teilte auch ihre Schülerin. Doch der Immenhorter beharrte darauf, dass die Hebamme sich schuldig gemacht habe, weil sie zu lange gewartet hatte. Erst wandte er sich an die Stadtwache, dann an den Praios-Tempel zu Schwarztannen. Passiert ist nichts. Die Hebamme und ihre Schülerin mussten zwar wieder und wieder ihre Aussage vor Zeugen wiederholen, aber Beweise, dass sie einen Fehler begangen hatte, gab es keine und es fanden sich auch keine, ja nicht einmal die Praios-Kirche hat welche gefunden und das soll etwas heißen! Es war – so bedauerlich es auch klingt – ein schreckliches Unglück. Wir alle wissen, dass eine Geburt tödlich enden kann, vor allem dann, wenn das Kind nicht günstig liegt...
»Dem Raben gebührt, was des Raben ist«, raunte eine leise, leicht krächzende Stimme, »Und noch bist du noch nicht ganz sein.«


„Dann war es eine Steißgeburt?“
=== Vergessen ===
ZFS: Der Herr des Vergessens hat Algerte ein ganz besonderes Geschenkt gemacht.


„Nein, es soll eine Sternguckerin gewesen sein“, erwiderte er, „So wie auch Ihr.“ Nun zuckte er mit den Schultern. „Schon seltsam, oder nicht?“
[[Garetien:Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle|Tempel des Weißen Raben]] zu Hexenmühle, Rahja 904 BF


Ich konnte nichts darauf erwidern. In meinem Kopf waren so viele Gedanken und alles ging durcheinander, doch recht hatte er: Es waren ungewöhnlich viele Sterngucker oder war es vielleicht nur ein Zufall? Ein merkwürdiger Zufall?
Immer wieder erwachte sie. Und immer wieder sank sie in die Bewusstlosigkeit zurück. Aber mehr und mehr nahm sie die Welt um sich herum wahr. Geweihte des Schweigsamen kamen, wuschen ihren kraftlosen Körper, wechselten die Verbände, flößten ihr Brühe ein. Sie sprachen kaum, beantworteten ihre Fragen nur spärlich, beteten aber für sie und mit ihr, meist schweigend. Und so seltsam sie das auch zu Beginn fand, so erfüllten sie die Gebete mehr und mehr.


„Wann... wann war das?“
Irgendwann jedoch kam eine Geweihte der Herrin Peraine. Eine ältere Frau mit grauem Haar. Ein leichter Geruch nach Knoblauch lag in der Luft. Vermischte sich mit dem Weihrauch. Die Geweihte setzte sich an ihr Bett, nahm ihre Hand und blickte sie lange an.


„Das muss, denke ich, wenige Monde vor Eurer Geburt gewesen sein“, er zuckte etwas verunsichert mit den Schultern, „Es ist schon lange her. Und vermutlich, ja vermutlich hat er sich stets wie ein Vater um Euch gekümmert, weil er immer in Euch sein Mädchen gesehen hat, jenes Kind, das er noch heute glaubt retten hätte zu können.
»Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du noch am Leben bist«, eine einzelne Träne rollte der Geweihten die Wange hinab. Sie wischte sie nicht fort. Sie tropfte auf ihre Robe und hinterließ einen kleinen nassen Fleck. »Nie zuvor habe ich jemanden gesehen, der so etwas überlebt hat! Nie hätte ich gedacht, dass du das überlebst. Nie! Vermutlich ist es einzig und allein der guten Pflege von...«


Einen Moment hielt er inne: „Ja, das ist sie, die Geschichte. Und wenn ich ehrlich bin, ich kann Hochwürden ja verstehen, es ist einfacher die Schuld für den Tod des eigenen Kindes bei jemand anderem zu suchen. Ein Kind zu verlieren ist schon schwer genug, doch wenn man wenn selbst auch einen Teil der Schuld trägt? Es scheint zu viel Zeit vergangen zu sein, zwischen jenem Moment, da die Hebamme nach dem Geweihten schickte und dessen eintreffen. Doch wo ist diese Zeit geblieben?“ Er zuckte mit den Schultern. „Bis zum heutigen Tag gibt es darauf keine Antwort, als hätte Satinav die Zeit schneller vergehen lassen, als habe jemand nicht gewollt, dass Mutter und Tochter überleben...
»Wo bin ich?«, hob die Verwundete an.


Ich nickte nachdenklich: „Und ich habe mir sie ausgerechnet als Lehrmeisterin ausgesucht.
»Im Schoß des Ewigen«, erklärte die Geweihte und blickte gütig auf die Frau hinab. In ihren alten Augen lag Wärme und Zuversicht. »In einem seiner Tempel.«


„Ja“, er lachte, „Wie ich bereits sagte, die Götter scheinen einen gar seltsamen Humor zu haben.
»Boron«, langsam nickte sie, »Was ... was ist passiert?«


== Verstärkung ==
»Du warst dem Tod sehr nahe«, erklärte die Geweihte, »Sehr nahe. Aber Golgari, so sagten uns seine Diener, fand deine Zeit noch nicht gekommen. Und so kämpften wir um dein Leben. Und sie halfen dabei.«
'''zwischen [[Garetien:Dorf Doriant|Doriant]] und [[Garetien:Dorf Perainewiesen|Perainewiesen]], Ende Phex 1043 BF'''


„Wir hatten Zeit uns vorzubereiten“, erklärte [[Garetien:Gerbald von Luring-Schneitzig|Gerbald von Luring-Schneitzig]] am nächsten Morgen der [[Garetien:Albur von Nordingen|kleinen]] [[Garetien:Fael ui Rian|Runde]] um den Baron, zu der man mich – warum auch immer – auch dazugebeten hatte, „Seit Hesinde lauerten die [[Garetien:Waldsteiner Traditionalisten|Waldsteiner]] an der Grafschaftsgrenze und warteten nur auf die nächst beste Gelegenheit um in Schwarztannen einzufallen. Die Zeit, wir haben sie gut genutzt. Wir haben das Wertvollste und Wichtigste gut versteckt. Wir werden auch gut über den nächsten Winter kommen, zumal sie die Felder bisher verschont haben. Die Waldsteiner werden dennoch reiche Beute machen. Es soll uns hier in [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]] schließlich niemand nachsagen, wir seien arm...
»Hm«, machte die Verletzte nachdenklich und versuchte sich aufzusetzen. Die Geweihte half ihr. Schob ihr ein Kissen in den Rücken. Und setzte sich dann wieder. »Und was ... was ist passiert?«


Er hielt einen Moment inne und musterte ein jeden von uns aufmerksam.
»Ein Unglück«, erklärte sie schlicht und so als würde das einfach alles erklären und irgendwie tat es das auch.


„Meine werte Gattin, [[Garetien:Hardane von Doriant|Hardane von Doriant]], hat wohl ihren Wehrhof geopfert. Ich denke nicht, dass sie das ganz freiwillig getan hat, aber...“, er hielt einen Moment inne, „.. irgendwo müssen die Waldsteiner nun mal ein, wenn auch nur temporäres Quartier beziehen. Damit hat sie uns auch etwas Zeit verschafft, da dort im Augenblick – so vermute ich zumindest – auch Waldsteiner gebunden sind.
»Dann bin ich wohl beim Klettern gestürzt«, schloss sie, »Sollte wohl besser aufpassen.« Sie nickte. »Warum nicht ein Tempel des Herrn Phex? Warum ... Boron?«


Wieder kehrte Stille ein.
Verwundert blickte die Geweihte sie da nun an: »Ich ... ich glaube, ich verstehe nicht.«


„Wann erwartet Ihr Verstärkung?“, wollte der Peraine-Geweihte wissen.
»Es ist mein Zweitname. Mein Vater gab ihn mir, weil ich im Phex und dann auch noch am Tag des Glücks geboren wurde. Meine Mutter hielt das erst für einen Scherz.« Sie lachte kurz auf, wobei sie schmerzerfüllt das Gesicht verzerrte. »Wie ... wie geht es ihr?«


Keiner antwortete ihm. Alle schauten ihn nur an.
»Das... das... ist mir nicht bekannt«, erwiderte die Geweihte kopfschüttelnd, »Aber warum Phex?«


„Ihr erwartet doch Verstärkung, nicht wahr?“, hakte er erneut nach.
»Weil ich dort im Noviziat bin.«


Noch immer schwieg [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]]. Es war [[Garetien:Yolande von Pranteln|Yolande von Raukenfels]] die dem Geweihten an seiner statt antwortete: „Es ist keine zu erwarten. [[Garetien:Drego von Luring|Graf Drego]] wird uns niemanden schicken, ganz einfach weil er keine verfügbaren Truppen mehr hat. Alle sind in Kämpfen gebunden: Die meisten gegen die [[Garetien:Kaisermark Gareth|Kaisermark]], weitere gegen [[Garetien:Grafschaft Hartsteen|Hartsteen]] und der klägliche Rest muss sich um Waldstein und [[Garetien:Grafschaft Eslamsgrund|Eslamsgrund]] kümmern. Wir hier sind aber der klägliche Rest, die einzigen, die abkömmlich waren. Und die meisten von uns sind nicht etwa auf Geheiß des Grafen hier, sondern auf Bitten des Barons. Mehr jedoch wird es nicht geben. Wir müssen mit den Männern und Frauen zurecht kommen, die wir jetzt haben.
Die Peraine-Geweihte riss ungläubig die Augen auf. »Noviziat?«, entfuhr es ihr wenig darauf und gerade in jenem Moment, dass gesprochen hatte, setzte eine Art Erkenntnis ein. »Kennst du ... deinen Namen?«


„Dann steht es schlecht um Schwarztannen“, schloss der Geweihte bitter, „Sehr schlecht. Zumal davon auszugehen ist, dass die Waldsteiner demnächst Verstärkung erwarten.“ Er schluckte schwer. „Es ist nicht, dass ich das sicher wüsste, aber es ist nun mal anzunehmen.“ Nun zuckte hilflos mit den Schultern. „Sie werden euch vor sich durch Schwarztannen treiben“, prophezeite er, „und ihr werdet ihnen kaum etwas entgegensetzten können...“ Und an mich gewandt sagte er: „Ihr solltet wieder nach [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannen]] gehen, [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Schwester Lindegard]], das hier ist nichts für einen so jungen und unschuldigen Geist wie den Euren.“
Die Versehrte lachte: »Algerte Phexlieb von Waldfang. Und wer seid Ihr?«


„Mein Platz ist hier“, erwiderte ich mit etwas zu zarter Stimme, „An der Seite des Barons. Hier werde ich gebraucht. Hier werde ich bleiben.“
»Erinnerst du dich denn nicht an mich?«


== Scheitern ==
Sie zog die Stirn kraus. Musterte die Geweihte kritisch: »Kennen wir uns?«
'''[[Garetien:Junkertum Baringen|Baringen]], Anfang Peraine 1043 BF'''


Um nach [[Garetien:Dorf Salzkotten|Salzkotten]] zu kommen mussten die [[Garetien:Waldsteiner Traditionalisten|Waldsteiner]] über eine Brücke, darunter floss der [[Garetien:Mühlbach in Schwarztannen|Mühlbach]] entlang, der genug Wasser führt um eine Mühle anzutreiben und so eine Durchquerung zu Fuß oder zu Pferd zwar nicht unmöglich war, aber eben mühsamer. Hier wollte man die Waldsteiner in die Falle locken. Wenn es irgendwo gelingen könnte, dann hier an dieser Engstelle. Es gelang nicht. Es lag nicht an dem Umstand, dass diese Stelle nicht geeignete gewesen war oder der Plan nicht wirklich durchdacht, es lag an der bloßen Unterzahl der [[Garetien:Grafschaft Reichsforst|Reichsforster]] oder viel eher an der Überzahl der Waldsteiner. Der Versuch war gescheitert. Und wieder floh wir. Dieses Mal zogen wir uns bis nach Baringen zurück.
»Ich bin Peralina Tempeltreu«, stellte sie sich vor, aber Algerte schüttelte nur Kopf. Peralina nickte noch nachdenklicher. »Kannst du mir sagen, wer der Kaiser des Mittelreiches ist?«


Zusammen mit [[Garetien:Gerbald von Luring-Schneitzig|Gerbald von Luring-Schneitzig]] versorgte ich die Verwundeten. Inzwischen gab es keinen einzigen unverletzten mehr unter uns. Die Stimmung war wieder einmal äußerst schlecht. Erst spät in der Nacht, war auch die letzte Wunde verbunden, da sah ich den Baron, wie er in die Sterne blickte.
»[[Valpo|Valpo von Almada]] natürlich.«


„Was soll ich tun, [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Schwester Lindegard]]?“, wollte er schulterzuckend wissen, „Kämpfe ich um [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]], lasse ich meine Männer und Frauen sinnlos sterben, denn schlagen können wir die Waldsteiner nicht. Tue ich es nicht, fällt alles den Waldsteinern in die Hände. Ganz gleich was ich tue, es ist immer falsch...“ Er seufzte schwer. „Ich kann ihnen Schwarztannen einfach nicht so überlassen, aber mehr als es ihnen schwerer machen kann ich auch nicht.“ Wieder zuckte er mit den Schultern. „Ich habe mir das alles anders vorgestellt...
=== Schutz ===
ZFS: Obwohl sie keine Gefangene ist, wird ihr dringend davon abgeraten, den Tempel zu verlassen. Schutz kann Algerte nur hier gewährt werden.


„Ja“, erwiderte ich da, „Das geht uns wohl allen so. Ich habe mir das auch anders vorgestellt, das könnt Ihr mir glauben, aber...“ Ich stockte. „Auch wenn es mir im Augenblick schwer fällt, aber so vertraue ich darauf, dass meine [[Peraine-Kirche|Herrin]] einen guten Grund hatte, ausgerechnet mich an Eure Seite zu stellen.“
[[Garetien:Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle|Tempel des Weißen Raben]] zu Hexenmühle, Rahja 904 BF


„Ihr seid eine gute Heilkundige“, erwiderte er, „Was könnte in unserer derzeitigen Situation nützlicher sein?“
»Wer ist der Kaiser?«, wollte Algerte von der Geweihten wissen, nachdem diese sich um ihre Wunde gekümmert und auf die Kante ihres Bettes gesetzt hatte um zu beten.


„Mag sein, Hochgeboren, aber meine [[Garetien:Perainidane von Erlenfall|Schwester Perainidane]] ist auch eine gute Heilkundige und im [[Garetien:Tempel der eingebrachten Früchte zu Schwarztannen|Tempel]] in [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannen]] gibt es noch weitere. Trotzdem bin ich an Eurer Seite und nicht meine Schwester oder ein anderer Geweihter, neben Euer Gnaden Luring-Schneitzig selbstredend. Vielleicht werde ich irgendwann begreifen, was sich meine Herrin dabei gedacht hat. Und gewiss, ja gewiss gibt es auch einen guten Grund, warum die Götter Euch genau diese Aufgabe zugedacht haben.
Die Geweihte hob langsam ihren Kopf, schob mit einer eleganten Bewegung die Kapuze ihrer schwarzen Robe zurück und offenbarte ihr rotes Haar. Sie hob ihren Blick. Jung wirkte ihr Gesicht. Doch ihre blau-grünen Augen offenbarten, dass sie nicht mehr so jung sein konnte. Andächtig faltete sie ihre Hände und legte diese in ihren Schoß.  


„Damit ich das Scheitern lerne?“, entgegnete er mir voller Zynismus.
»Hm«, machte Algerte, »Was ist aus [[Valpo|Valpo von Almada]] geworden?«


Ein Lächeln legte sich unweigerlich über meine Lippen: „Vielleicht? Vielleicht seid Ihr aber auch der Einzige, dem die Götter genau das zugetraut haben?“ Ungläubig blickte er mich an. „Bedenkt: Wie viele hätten bereits aufgegeben, aufgrund der Aussichtslosigkeit dieser Auseinandersetzung? Offensichtlich sind die Waldsteiner uns zahlenmäßig überlegen und mangels Verstärkung auf unserer Seite wird das gewiss auch so bleiben.“ Nun nickte er zaghaft. „Die Götter haben sich etwas dabei gedacht, Euch an diese Stelle zu setzten. [[Garetien:Drego von Luring|Graf Drego]] hat sich etwas dabei gedacht. Ihr seid keiner dieser Emporkömmlinge, die sich nach Ruhm und Ehre sehnen und nur auf die nächst beste Gelegenheit warten um sich zu profilieren. Ihr seid ein aufrechter Ritter, der den seinen loyal und treu ergeben ist. Für Euch zählt die Sache und die Sache ist, dass es Unrecht ist was die Waldsteiner da tun. Freilich verstehe ich recht wenig von dem, was eine Fehde ausmacht und wer sie führt, aber warum solltet Ihr und Eure Untertanen für das bezahlen, was zwischen den [[Garetien:Haus Luring|Häusern Luring]] und [[Garetien:Haus Hartsteen|Hartsteen]] passiert ist?“ Einen Moment hielt ich inne. Auch der Baron schwieg. „Ihr, Hochgeboren, seid hier, weil Ihr genau hier gebraucht werdet und weil Ihr vermutlich der einzige seid, der angesichts der aussichtslosen Lage noch immer erbittert weiterkämpft: Gebt nicht auf, Hochgeboren, die Götter stehen Euch bei.“
»Seine Zeit war gekommen.«


Und [[Garetien:Drego von Altjachtern|Drego von Altjachern]] gab nicht auf. Er versucht immer wieder mit den Waldsteinern zu verhandeln, auch wenn die nicht wollten. Meine Worte hatten also getan, was ich gehofft hatte. Und was hätte ich ihm auch anderes sagen sollen? Die Wahrheit etwa?
»Wie du das sagst«, stutzte die Adelige und schüttelte den Kopf.


== Prüfung ==
»Vor Boron sind alle gleich.«
'''[[Garetien:Dorf Erlenfall|Erlenfall]], Ende Peraine 1043 BF'''


„Wir ziehen uns nach Erlenfall zurück“, hatte [[Garetien:Drego von Altjachtern|Drego von Altjachtern]] schlussendlich beschlossen. Wieder einmal hatten die [[Garetien:Waldsteiner Traditionalisten|Waldsteiner]] uns [[Garetien:Grafschaft Reichsforst|Reichsforster]] vor sich hergetrieben. Wieder einmal war die Lage aussichtslos. Wieder einmal zog man sich nach heftigen Gefechten zurück. Dieses Mal bis nach Erlenfall. Wieder einmal versorgte [[Garetien:Gerbald von Luring-Schneitzig|Gerbald von Luring-Schneitzig]] und [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|ich]] die Verwundeten. Die Stimmung war am Tiefpunkt. Dass die Reichsforster sich nicht zerstreuten lag dieses Mal nur an einem: Baron Drego.
»Aber dann muss es doch jemanden geben, der ihm nachfolgt?«


„Das hier ist keine Strafe der Götter, es ist eine Prüfung“, verkündete er jedem, ganz gleich ob er es hören wollte oder nicht, „Und wir, wir müssen nichts weiter tun als durchhalten. Ich weiß, das es nicht so leicht ist, wie es klingt, doch wir werden belohnt werden. Wenn die Götter sehen, dass wir im Angesicht der Übermacht nicht verzagen, ganz so wie die Heilige Thalionmel nicht verzagte, dann werden sie uns nicht nur beistehen sondern uns auch ihre Gunst gewähren und wir werden die Waldsteiner in ihre Schranken weisen und sie endgültig nach Hause schicken.
»Es gibt viele«, erwiderte die Geweihte ruhig, »und doch keinen einzigen.«


Doch die Heilige Thalionmel war bei ihrem Vorhaben gestorben. Sicher war es ein ehrbarer Tod gewesen, einer der einer Rondra-Heiligen gut zu Gesicht stand, doch die meisten von Dregos Gefolgsleuten hingen nun eben an ihrem Leben. Abgesehen davon hatte die Heilige gegen eine Übermacht an Novadis gekämpft, die bekanntlich nicht an die zwölf Götter glaubten. Unserer Gegner waren jedoch Waldsteiner, bei denen sehr wohl anzunehmen war, dass auch sie sich auf die Zwölfe beriefen und die damit sehr wahrscheinlich auch diese ganzen Plündereien rechtfertigten. Wem sollten die Götter also die Gunst schenken? Im Augenblick sah alles danach aus, als stünden sie auf der Seite der Waldsteiner. Ganz abgesehen davon, dass noch immer kein Geweihter der Herrin Rondra unter uns weilte.
»Dann wäre das Reich doch ohne Herren! Aber du sagt das so, als würde es dich nicht ... nicht im geringsten kümmern?«


Seine Gefolgsleute glaubten dem Baron jedoch, vielleicht glaubten sie ihm alleine deswegen, weil sie ihm glauben wollten, weil sie glauben wollte, dass diese ganze Misere gut für uns Reichsforster endete. Wahrscheinlich war das jedoch nicht. Doch eines war gewiss: Würde es noch einmal zu solch einem fatalen Aufeinandertreffen mit den Waldsteinern kommen, dann konnte nur noch ein Wunder helfen...
»Es kümmert den Ewigen nicht«, erklärte sie langsam nickend, »Und damit kümmert es auch mich nicht. Dem Ewigen schert vieles nicht. Ihm ist gleich, was für Titel wir uns geben, welche Länder wir beanspruchen oder auch nur was wir besitzen. Vor ihm sind wir alle gleich. Ein jeder von uns.« Sie hielt einen Moment inne. »Eines Tages werden wir ihm alle gegenüber treten. Uns alle ereilt dasselbe Schicksal.«


== Wiedersehen ==
Algerte schwieg einen Moment, ehe sie wissen wollte: »Und wie lange war ich ohne Bewusstsein, dass ich den Tod eines Kaisers und seine fehlende Nachfolge nicht mitbekommen habe?«
'''[[Garetien:Dorf Erlenfall|Erlenfall]], Rahja 1043 BF'''


Inzwischen war es erstaunlich ruhig geworden. Es hatte keine richtige Auseinandersetzung mehr mit den [[Garetien:Waldsteiner Traditionalisten|Waldsteinern]] seit jenem verhängnisvollem Aufeinandertreffen in [[Garetien:Junkertum Baringen|Baringen]] Ende Peraine gegeben. Doch ungewiss war, ob das auch so bleiben würde. Und noch ungewisser war, was diese Ruhe ausgelöst hatte. Hatten die Waldsteiner etwas genug geplündert? Oder war etwas anderes geschehen? War es vielleicht auch nur die Ruhe vor dem Sturm? Die Ruhe war Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite konnten sich unsere Verwundeten erholen, auf der anderen Seite machte die Ruhe alle nervös. Ein jeder wartete auf den nächsten Schlag der Waldsteiner, doch er kam nicht.
Nun schüttelte die Geweihte ihren Kopf: »Nur wenige Tage, doch hat mein Herr dir seine Gnade des Vergessens zu teil werden lassen. Oder...« Und ein Lächeln legte sich über ihre Lippen.  »... war es vielleicht sein ihm sehr verbundener Bruder?«


[[Garetien:Drego von Altjachtern|Drego von Altjachtern]] und seine Liebste, die Reichsritterin [[Garetien:Ailsa ni Rian|Ailsa ni Rían]] trafen sich etwas abseits von unserem Lager. Das war sie also, die zukünftige Baronin. [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Ich]] sah sie zwar nur von Weitem, aber ich sah, dass er ihr sehr zugetan war. Sie erschien mir etwas zu kühl und zu nüchtern, was vermutlich der angespannten Situation geschuldet war. Sie wechselten ein paar wenige Worte, die keiner aus ihnen selbst hörte, sie waren allein. Dann ritt die Reichsritterin auf ihrem Grauschimmel zurück an die Grenze zwischen Erlenfall und Waldstein. Dort war ihr Platz. Dort hatte ihr Liebster sie hingeschickt. Sie sollte zusammen mit [[Garetien:Kordara von Dachshag|Kordara von Dachshag]], [[Garetien:Raulbrin Reto von Schwarztannen|Raulbrin von Schwarztannen]] und [[Garetien:Eilein ni Rian|Eilein ni Rían]] und verhindern, dass die Waldsteiner auch noch über Erlenfall nach [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]] einfielen, bisher war ihnen das gut gelungen.
Einen winzigen Augenblick nur lag Erstaunen im Blick der Adeligen, dann jedoch kam der schmerzerfüllte Gesichtsausdruck zurück. Die Geweihte lächelte immer noch. Dieses Mal noch etwas vielsagender und freundlicher als Algerte das eine Dienerin des Schweigsamen zugetraut hätte. Und wenn sie es recht bedachte, war die Geweihte auch viel zu hübsch für den Dienst an solch einem Herrn. Außerdem hatte sie rotes Haar.


So kurz dieses Wiedersehen auch gewesen war, so sehr hatte es Drego bestärkt. War er zuvor zuversichtlich gewesen, die Waldsteiner nach Hause zu schicken, war er jetzt sicher, dass diese Prüfung der Götter ein gutes Ende für uns [[Garetien:Grafschaft Reichsforst|Reichsforster]] haben würde. Und diese Selbstsicherheit färbte auch auf seine Gefolgsleute ab.
»Du bist nicht die einzige, die es meinen Dienst hier unpassend findet«, kommentierte sie und zog eine Augenbraue nach oben, »Aber alles hat einen Grund. Doch nicht immer ist er für uns Menschen ersichtlich.«


»Wie lange wird es dauern, bis ich in den Tempel meines Herren zurückkehren kann?«


== Dregos Kopf ==
Ihre Gegenüber holte angestrengt Atem: »Verlasse den Tempel des Ewigen nicht, Algerte. Niemals!« Plötzlich wirkte sie sehr ernst. »Der Ewige schützt dich. Er gibt auf dich acht. Aber er kann das nur in seinem Schoß tun. Du musst wissen, die Welt dort draußen ist gefährlich. Auch wir gehen nur hinaus, wenn uns sein Ruf ereilt. Und meist vermeide ich auch das. Hier drinnen...« Sie deutete im viel zu kleinen Zimmer herum. Es gab lediglich ein schmales Bett mit einer Kleidertruhe an dessen Fußende, ein kleines Nachtkäschen und einen dreibeinigen Hocker. »... sind wir sicher. Dort draußen nicht.«
'''[[Garetien:Junkertum Erlenfall|Erlenfall]], 18. Rondra 1044 BF'''
Zsf: Baron Drego bietet Hermine von Alka ein Duell um Schwarztannen an und sie nimmt endlich an.


„Er bietet den [[Garetien:Waldsteiner Traditionalisten|Waldsteinern]] seinen Kopf“, erklärte [[Garetien:Fael ui Rian|Fael ui Rían]] und war dabei seltsam ruhig. Seinen Blick hatte der Ritter auf die sich vor ihm bietende Szene der Verhandlungen zwischen den Waldsteinern und den [[Garetien:Grafschaft Reichsforst|Reichsforstern]] gerichtet. Auf Seite der Reichsforster nahmen neben [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]], seine treue Beraterin [[Garetien:Yolande von Pranteln|Yolande von Raukenfels]] und seine Knappin [[Garetien:Eylrun von Erlenfall|Eylrun von Erlenfall]] teil, auf der der Waldsteiner war es [[Garetien:Hermine von Alka|Hermine von Alka]] und ihre Getreuen [[Garetien:Alrike von Breitenbach|Alrike von Breitenbach]] und [[Garetien:Alrik Raul von Hohentann|Alrik Raul von Hohentann]].
»Dann ... dann bin ich eine Geisel? Ihr haltet mich hier fest?«


„Ich..., erwiderte ich etwas verwirrt, „Ich glaube, ich versteh nicht. Er tut... hm... was?
Die Geweihte schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Du kannst den Tempel jederzeit verlassen. Aber dort draußen, bist du auf dich alleine gestellt. Dies sei dir bewusst.« Damit erhob sie sich und wollte bereits das Zimmer verlassen als Algerte noch einmal das Wort ergriff: »Wie ist dein Name?«


„Er versucht die Alka bei der Ehre zu packen“, erklärte [[Garetien:Albur von Nordingen|Albur von Nordingen]], „Bei dem alten [[Garetien:Irberod von Leustein|Leusteiner]] hätte er da wenig Erfolg gehabt, der ist einfach zu erfahren und abgeklärt, doch bei der Alka?“ Ein vielversprechendes Lächeln umspielte seine Lippen. „Seit dem der Alte ihr den größten Teil seiner Truppen anvertraut hat, hat Drego sie zumindest schon mal dazu gebracht mit ihm zu verhandeln. Gut, bisher war er dabei wenig erfolgreich gewesen, aber wenn er diesem hitzigen Persönchen lange genug ihre ritterliche Ehre um die Ohren haut, dann wird sie irgendwann einfach nicht mehr anders können...“
»[[Gareiten:Etilinae Tempeltreu|Etilinae]]«, sie wandte sich zu der anderen um, »Er machte ihn mir zum Geschenk. Wirst auch du sein Geschenk annehmen?«


„Und dann?“, wollte ich weiter wissen, „Was passiert, wenn sie nicht mehr anders kann?“
=== Rote Rabe ===
ZFS:


„Dann wird es ein rondragefälliges Duell geben, [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Schwester Lindegard]]“, seufzte der Rían schwer.
»Etilinae«, hob die Tempelvorsteherin mit andächtiger und ruhiger Stimme an, schaute aber nicht auf, sondern blickte in ihren Becher mit dem roten, würzigen und schweren Weines, »Welche Kunde bringt meine rote Rabe?«


„Und Baron Drego gewinnt, richtig?“
»Er hat ihr Vergessen geschenkt«, hob Etilinae bestätigend an, »Ganz wie Peralina es sagte. Zwar weiß sie, wer sie ist, aber scheint sie sich nicht an ihre Zeit in Schwarztannen erinnern zu können, erst recht nicht an ihre jüngste Vergangenheit. Nicht an ihren Mann, nicht an ihre Kinder, nicht an...«


„Entweder das oder... oder das war es“, der Nordinger nickte, „Die Seite, die verliert, wird [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]] verlassen. Sofort.
Erschreckend langsam winkte die alte Geweihte ab.


„Und wo… wo wird Drego seine Truppen hinführen, sollte er… sollte er verlieren? Nach [[Garetien:Gräflich Luring|Gräflich Luring]]?“
»Ein Segen, rote Rabe«, meinte sie da, »und auch ein Fluch.« Bedeutungsschwer nickte sie. »Während sich ganz Schwarztannen erinnert, hat sie vergessen.«


„Nirgendwo“, meinte Fael schlicht, „Es wird ein Duell auf‘s dritte Blut. Entweder Drego siegt oder… oder er verliert alles.
Etilinae nickte: »Was ... sollen wir tun?«


„Ist er..., ich schluckte schwer, ... ist er denn ein guter Kämpfer?“
Streng blickte sie die junge Geweihte an: »Unserem Herren dienen.« Sie legte die Hände in ihren Schoß. »Unsere Kirche, Etilinae, steht über den Dingen. Sie beteiligt sich nur so an den derischen Belangen, wie es für ihre weitere Existenz notwendig ist. Und so sollten auch wir es handhaben. Was auch immer geschehen ist, ist geschehen. Urteile wurden gesprochen. Taten wurden gesühnt. Uns jedoch darf es nicht kümmern. Wir dienen dem Schweigsamen. Wir haben alle anderen Bande gelöst. Unsere Namen abgelegt. Um nur für jene da zu sein, die unserer Hilfe bedürfen. Wer einen seiner Tempel aufsucht, der muss keine Rechenschaft über das ablegen, was hinter ihm liegt. Unser Herr blickt nicht zurück. Es ist nicht seine Art. Er nimmt an. Und so müssen auch wir sie annehmen, so wie sie ist, weil es auch unser Herr das tut.«


Betreten schauten die beiden Ritter drein, vermieden es jedoch mich direkt anzuschauen und blickte stattdessen lieber auf die Szene zwischen der Alka und Drego.
«Ihr sagt das so, als wüsste ich all das nicht...«


„Er... er kann sie doch besiegen, nicht wahr?“
»Ich wollte dir nur in Erinnerung rufen, wem du dienst.«


„Er ist gut“, meinte Albur von Nordingen da über seinen besten Freund, „Aber die Alka ist... ich muss es wohl einfach so sagen... besser.
»Dem Schweigsamen?«, erwiderte sie, doch ihre Stimme war leise und brüchig, mehr fragend als antwortend.


„Aber... aber... aber warum tut er es denn dann? Warum lässt er sich darauf ein, wenn er sie doch nicht schlagen kann?“ Meine Stimme klang schrill, selbst in meinen Ohren. Meine Heimat in den Händen der Waldsteiner? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen und das wollte ich mir nicht vorstellen. „Das ist doch… doch Wahnsinn!
»Dem Schweigsamen!«, bestätigte sie, »Erinnere dich immer daran, Etilinae. Deswegen obliegt es auch dir, für sie zu sorgen und ihr Schutz zu gewähren. Ein Aufeinandertreffen muss auf jeden Fall verhindert werden. Auf jeden Fall!«


„Weil es doch so nicht weitergehen kann“, Fael wandte seinen Blick mir zu. Seine braunen Augen musterten mich. Sie musterten mich auf eine Art und Weise, dass mir ganz anders wurde. „Wie viele Tote haben wir bereits zu beklagen, Schwester Lindegard?“ Er ließ mir jedoch keine Zeit für eine Antwort. „Zu viele, ohne Frage. Viel zu viele. Schlagen können wir die Truppen der Waldsteiner nicht, sie sind in der Überzahl. Wenn wir weitermachen wie bisher, werden sie ganz Schwarztannen plündern und es werden noch mehr sterben – auf beiden Seiten. Dieser Wahnsinn muss aufhören und der einzige Weg, wie man diese Misere hier beenden kann, ist eben jenes rondragefällige Duell. Sollte Drego gewinnen und das ist durchaus möglich, sofern es die [[Rondra-Kirche|Sturmherrin]] will und ihm zulächelt, werden die Waldsteiner sofort abziehen und der Baron kann sich mit dem Erfolg rühmen seine Lande erfolgreich gegen eine Überzahl verteidigt zu haben, sollte er verlieren, dann werden wir abziehen und mit dem Tod Dregos verlischt auch sein Anspruch auf den Baronsreif. Ganz gleich wie es ausgehen wird, es wird hier in Schwarztannen erst einmal keine weiteren Tot in dieser elendigen Fehde mehr geben. Welch größeres Opfer könnte ein Baron für seine Untertanen brin...?“
»Ich verstehe«, erwiderte sie.


„Gut“, dröhnte die aufgebrachte Stimme der Alka zu uns herüber, „Dann soll es so sein! Morgen zur Mittagsstunde werden wir der Herrin Rondra zum Wohlgefallen unser Duell bestreiten!“
»Bist du dir sicher?«, die Frage lag schwer im Raum, »Eure Kinder sind vom selben Ast des Baumes, obgleich von unterschiedlichen Zweigen. Und dein Sohn liegt noch näher am Stamm als ihre.«
-->
== Entscheidung ==
'''[[Garetien:Dorf Erlenfall|Erlenfall]], 19. Rondra 1044 BF'''
<!--Zsf: Endlich stößt eine Rondra-Geweihte zu den Reichsforstern und jeder glaubt zu wissen, warum.-->


„Wir haben Euch damals im Phex zugesagt, an Eurer Seite zu sein, sollte die Zeit gekommen sein“, verkündete die [[Rondra-Kirche|Rondra]]-Geweihte [[Garetien:Elerea ni Rian|Elerea ni Rían]] mit fester Stimme, „Nun ist es so weit: Die Zeit ist gekommen.“
»Ich habe mich und meinen Sohn im Dienste des Herrn Boron gestellt. Ist es nicht Beweis genug, dass ich mein altes selbst abgelegt habe?«


„Dann ist es wohl entschieden“, erwiderte [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]] ausdruckslos und bekräftigte seine Worte mit einem Nicken.
»Ein Kuckuck bleibt ein Kuckuck, ganz gleich, ob der Rabe ihn in seinem Nest für einen Raben hält.«


Die Geweihte schaute ihn mit festem Blick an und nickte geradezu quälend langsam. Am Morgen war sie zusammen mit der Novizin [[Garetien:Rondriga von Schack|Rondriga von Schack]] zu uns gestoßen. Mit ihrem Auftauchen hatten die beiden für einiges an Aufregung gesorgt, denn bisher war dem Baron – ganz gleich ob Baron Drego oder [[Garetien:Raulfried Haltreu von Schwarztannen|Baron Raulfried]] – Unterstützung durch einen Geweihten der Sturmherrin oder viel eher durch einen solchen aus dem [[Garetien:Tempel zu Ehren der Heiligen Thalionmel zu Schwarztannen|Rondra-Tempel]] zu [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannen]] versagt geblieben. Für die meisten war diese Entscheidung wohl vor allem eines: falsch. Die Gründe lagen im Dunkeln. Es hatte lediglich geheißen – so viel hatte man sich zumindest in Schwarztannen darüber erzählt – dass die rechte Zeit noch nicht gekommen sei. Es war nicht das erste Mal, dass man solche kryptischen Äußerungen aus diesem Tempel vernahm, er war inzwischen bekannt dafür. Und auch wenn manche den Geweihten dort sogar Feigheit unterstellten, weil sie sich aus dem bisherigen Konflikt herausgehalten hatte, so glaubte ich doch zu wissen, dass dem nicht so war. Gewiss hatten sie einen guten Grund. Ganz sicher hatten sie einen guten Grund. Sie waren Geweihte der Herrin Rondra und wenn sie solch einem Konflikt fern blieben, dann taten sie das gewiss nicht leichten Herzens. Und von der Rían wusste ich, dass sie immer wieder von Visionen ihrer Herrin geplagt wurde. Ein jede von ihnen bezahlte sie mit ihrem Blut. Ich hatte schon das ein oder andere Mal ihre Wunden versorgt...
»Ich habe meinen Namen abgelegt!«, beteuerte die Angesprochene, »Meine Familie zurückgelassen!«


„Lasst uns bitte allein“, bat der Baron mit fester Stimme um einen Moment vertraulich mit der Geweihten und deren Novizin sprechen zu können. So ließ man ihn also mit den beiden alleine, auch ich machte mich davon.
»Auch ein neues Federkleid macht aus einem Kuckuck noch keinen Raben, rote Rabe.«


„[[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Schwester Lindegard]]?“, erklang da plötzlich die Stimme des Barons, „Euch hätte ich auch gerne an meiner Seite.“
Etilinae seufzte schwer, senkte ihr Haupt und ließ die Schultern hängen: »Was soll ich tun? Was erwartet Ihr von mir?«


Etwas verwundert wandte ich mich um, schaute ihn einen Moment fragend an, nickte dann jedoch und ging die wenigen Schritt zu ihm und den Dienerinnen der Sturmherrin zurück.
»Dein Sohn darf den Tempel nicht verlassen. Niemals. Sein Leben hängt daran.«


Der Ritter sammelte sich einen Moment. Es fiel ihm sichtlich schwer.
Die Mutter schluckte schwer, nickte und raunte: »Ich weiß.«


„Euer Gnaden“, hob der Baron mit leicht zitternder Stimme an, „Wenn ich sterben, dann möchte ich Euch darum bitten, meinen Leichnam zu meiner Familie nach [[Garetien:Familie Altjachtern|Altjachtern]] zu bringen. Es ist nicht so, dass...“ Er stockte einen Moment. „... dass ich nicht überzeugt bin, dass meine Freunde das für mich tun werden, aber [[Garetien:Drego von Luring|Graf Drego]] braucht jeden einzelnen von ihnen und so ist es mein ausdrücklicher Wunsch, dass sie ihn im Kampf weiter unterstützen, obgleich Schwarztannen dann verloren ist.“
»Und dann ist da noch die Sache mit deinem Bruder«, seufzte die Hochgeweihte und tippte sich nachdenklich gegen das Kinn, »Es scheint, als hätten die derischen Belange uns eingeholt, rote Rabe. Wie sollen wir uns heraushalten, wenn wir mittendrin stecken? Es könnte bald zu gefährlich für euch hier werden. Die Wahrheit ist wie der Kuckuck im Nest. Sobald man ihn als solchen erkannt hat, stellt sich die Frage: Zieht man ihn weiter groß oder wirft ihn hinaus?«


„So die Sturmherrin so entscheidet, will ich Euch diesen Wunsch gewähren“, erwiderte die Geweihte mit fester Stimme und noch festerem Blick, in dem so etwas wie Trauer lag. Ob ihre Herrin in einer ihrer Vision ihr den Ausgang eines möglichen Duell bereits offenbart hatte?
Die Rothaarige biss sich auf die Lippen.


„Und sagt ihnen bitte...“, der Ritter schluckte sichtlich schwer, „Sagt meiner Familie… meiner werten [[Garetien:Jurfinde von Altjachtern-Sturmfels|Mutter]], meinem werten [[Garetien:Elgor von Sturmfels|Vater]] und meinem lieben [[Garetien:Moribert von Altjachtern|Bruder]]... dass es mir sehr leid tut. Es ist... Nun, ich... ich habe den höchsten Einsatz gebracht, den man nur hier auf Dere erbringen kann, alles um jene zu schützen, die mir durch den Grafen höchst selbst anvertraut wurden, damit es nicht noch mehr Tote gibt, noch mehr Leid und ich... ich habe verloren.
»Gut, rote Rabe«, kommentiert die Hochgeweihte nachdenklich, »Ich muss darüber nachdenken. Ich muss... Ach, noch eines. «


Da nickte Elerea ni Rían verstehend.
Etilinae blickte auf.


„Schwester Lindegard“, wandte er sich nun mir zu, „Euch kommt vielleicht die schwerste aller Aufgaben zu. Euch möchte ich bitten die Nachricht meines Todes meiner Liebste, der Reichsritterin [[Garetien:Ailsa ni Rian|Ailsa ni Rían]], zu überbringen. Sie ist mein Schwert und mein Schild gegen die Waldsteiner. Erfolgreich hat sie mit ihren Begleitern verhindert, dass sie auch noch über [[Garetien:Junkertum Erlenfall|Erlenfall]] nach Schwarztannen einfallen und uns so zwischen ihren Fronten aufreiben.“ Wieder machte er eine Pause. „Sagt ihr“, nun traten Tränen in seine Augen, die er sich allerdings verbot zu weinen, „dass ich sie sehr liebe. Aus der Tiefe meines Herzens. Alles was ich tat, tat ich für sie, für uns, für unsere Familie. Sagt ihr, dass es mich sehr schmerzt, sie zurücklassen zu müssen, gerade jetzt, jetzt da sie unser Kind unter ihrem Herzen trägt...
»Dein rotes Haar geziemt sich für eine der Dienerinnen des Schweigsamen nicht. Es ist an der Zeit, dass du dich von ihm trennst.«


Nun war ich es, die schwer schlucken musste. Das sie ein Kind erwartete, das hatte ich nicht gewusst.
=== Geheimnis ===
ZFS:


„Es schmerzt mich sehr, es nicht aufwachsen sehen zu können“, er strich sich nun die Tränen aus den Augen, „Ich freue mich doch so sehr darauf… Ich…“ Er schluckte schwer. „Sie soll auf ihr [[Garetien:Ritterherrschaft Praiosborn|Rittergut]] an die Brache zurückkehren und mich... vergessen.“ Das letzte Wort fiel ihm sichtlich schwer. „Ich wünsche ihr sehr, dass sie einen guten Mann findet, der unser Kind annimmt und es durch einen Traviabund mit ihr ehrbar macht. Mir blieb eine Ehe mit ihr verwehrt. Ich wünsche mir, dass sie eines Tages wieder glücklich sein kann. Meine letzten Gedanken werden ihr gelten. Das letzte Wort auf ihren Lippen, wird ihr Name sein…“
Im Praios war Algerte wieder so weit genesen, dass sie aufstehen und umhergehen konnte. Unter den wachsamen Augen von Geweihten und Novizen, Mägden und Knechten erkundete sie den Tempel. Bald jedoch war er ihr zu klein. Vor allem jedoch zu ruhig. Selbst die Schritte der Geweihten waren kaum zu vernehmen. Sehnsuchtsvoll dachte sie an ihr Noviziat im Phex-Tempel zurück. Dort war es niemals so leise gewesen. Es hatte ein stetes Kommen und Gehen gegeben, ständiges Gemurmel und immerzu hatte ihr Lehrmeister eine Aufgabe für sie gehabt. Manchmal hatte sie nur gelauscht, andere Male hatte sie Informationen und später Dinge ausgetauscht oder beschafft. Lächelnd dachte sie zurück.


== Zweifel ==
So zog es sie in den Garten. Seltsam. Noch nie hatte sie einen Boron-Tempel mit einem Garten gesehen. Zumindest nicht mit so einem. Die Bäume waren alt und ehrwürdig und spendeten mit ihren niedrigen, aber stark belaubten Kronen bestehend aus verkrüppelten und gewundenen Ästen reichlich Schatten. Darunter gab es Büsche und Sträucher. Blumen fanden sich nicht. Dafür jedoch Kräuter. Manche rochen gar nicht, andere rochen sehr stark und intensiv. Dazwischen schlängelte sich ein kleineres, leise plätscherndes Bächlein umher, über das eine viel zu massive Brücke aus Bruchstein führte. Woher der Strom kam, war ebenso unklar, wie wohin er ging. Dazwischen fanden sich immer mehr oder weniger verwitterte und mit Moos bewachsene Darstellungen von Raben. Mal hingen sie von Bäumen herab. Andere standen auf hohen, schmalen Sockeln oder versteckten sich in den Gebüschen. Einer lugte gar aus dem kleinen Bächlein heraus, die Schwingen zum Flug erhoben. Doch eines hatten sie alle gemein: Sie waren allesamt weiß. Nun, sie befand sich auch im Tempel des weißen Raben. Und alle Tier, von ihm so einige hier gab, waren ebenso weiß. Weiße Mäuschen, die durch das Gebüsch huschten. Weißen Vögel, die leise in den Bäumen sangen. Ein weißes Eichhörnchen, das seinen Kobel in einer der Kronen hatte und blitzschnell über die Grasflächen huschte. Natürlich war auch immer wieder ein weißer Rabe zu sehen. Das Tier schien gut mit der Tempelvorsteherin bekannt zu sein. Algerte sah sie oftmals in stiller Zwiesprache vereint. Ein Anblick, der ihr am ganzen Körper eine Gänsehaut verschaffte.
'''[[Garetien:Dorf Erlenfall|Erlenfall]], 19. Rondra 1044 BF'''
<!--Zsf: Die Rondra-Geweihte äußerst Zweifel am Schiedsspruch und überhaupt an der ganzen Fehde.-->


Der Baron besprach sich noch kurz mit seiner treuen Ratgeberin [[Garetien:Yolande von Pranteln|Yolande von Raukenfels]], dann schickte er auch sie weg. Er wollte alleine sein. Alleine mit sich und seinen Gedanken. Ob er über seinen nahenden Tod nachdachte?
Es gab noch etwas, das ihr ins Auge fiel. Viel eher jemand. Ein Knabe mit feuerrotem Haar. Nein, eher feuerroten Stoppeln. Er trug die Tracht eines Novizen, musste also im passenden Alter sein und kümmerte sich um die Tiere im Garten. Manchmal spielte er auch mit ihnen, als gäbe es keine anderen Kinder hier. Dabei gab es andere. Eines Tages setzte er sich neben sie auf die Bank unter einen der Bäume und schwieg. Er saß eine ganze Zeit so da und schwieg. Doch irgendwann wurde er unruhig.


Ich passte die [[Garetien:Elerea ni Rian|Rían]] ab und fragte sie vertraulich: „Habt Ihr gesehen, wie... wie dieses Duell ausgehen wird?“
»Bleibst du noch lange hier sitzen, Algerte?«, wollte der Knabe wissen und vermied es, sie anzusehen.


„Die [[Rondra-Kirche|Sturmherrin]] ist noch unentschieden“, meinte die Geweihte und schenkte mir einen vielsagenden Blick.
Die Adelige lächelte sanft: »Warum fragst du?«


Ich war einen Moment verdutzt: „Ich dachte Ihr seid gekommen, weil...
»Du weißt doch, ich kümmere mich um die Tiere hier im Garten«, nun nickt er so, als würde das einfach alles erklären und blickte sie aus seinen tiefblauen Augen an. Algerte schüttelte sich. An irgendjemand erinnerte sie der Knabe, doch sie konnte sich nicht erinnern, an wen.


„Nun, das scheint Ihr nicht die Einzige zu sein“, entgegnete sie mir, „Jedoch ist es, wie ich es Euch bereits sagte: Die Sturmherrin ist noch unentschieden. Sie scheint selbst noch nicht zu wissen, wem der beiden sie ihre Gunst schenken wird. Sie ist...“ Die Rían hielt einen Moment inne. „... mir fremd geworden. Seit diesem Schiedsspruch ist sie mir fremd geworden. Sie scheint eine andere zu sein als zuvor. Und ich bin nicht die Einzige, die so empfindet.“ Sie ließ ihren Blick zu der [[Garetien:Rondriga von Schack|Novizin]] gleiten.
»Wie heißt du?«


„Haltet Ihr Euch deswegen aus dieser ganzen Auseinandersetzung heraus?“, wollte ich wissen, „Weil ihr den Willen Eurer Herrin nicht ergründen könnt?“
»[[Garetien:Bayrin Tempeltreu|Bayrin]]«


Mit traurigen Blick schaute sie mich an: „Das der [[Garetien:Grafschaft Hartsteen|Harsteener]] des [[Garetien:Lechmin von Luring|Grafens Schwester]] mit einer Lanze, die nicht für das Turnier geeignet war, getroffen hat, war vermutlich kein Zufall. Wissen tun wir es jedoch nicht. Er hätte sicherstellen müssen, dass seine Lanzen allesamt auch wirklich geeignet waren und Lechmin hätte besser nicht in die Schranke reiten dürfen. Es war – so schrecklich das auch klingt – eine Tragödie, die nicht hätte passieren dürfen, aber passiert ist.“
»Und deine Mutter ist Etilinae, nicht wahr?«


„Das solltet Ihr besser nicht so laut sagen...“
Nun lachte der Knabe, fuhr sich durch seine roten Stoppeln und frotzelte: »Scharfsinnige Algerte.«


„Die Wahrheit ist oft unangenehm und schmerzhaft, deswegen können wir sie doch aber nicht verschweigen!“, sie strafte mich mit einem harten Blick, „Diese Angelegenheit betrifft aus meiner Sicht in erster Linie jene beiden, die in dieses Unglück involviert sind, dann ihre Familien, nicht jedoch ihre gesamten Grafschaften und all jene, die darin Leben.“
Da musste auch Algerte lachen. »Keine Sorge, ich werde dich nicht stören«, beteuerte sie, »Oder habe ich das jemals zuvor?«


„Und der Schiedsspruch?“
»Nein, aber...«, hob er an und verstummte sofort wieder. Algerte sah, dass er etwas zu verbergen hatte. Angestrengt dachte der Knabe nach und biss sich dabei auf die Unterlippe. Seine Unruhe nahm zu. Algerte beobachtete aufmerksam. So, wie sie es gelernt hatte. Dann seufzte er plötzlich schwer.


„Versteht mich nicht falsch, [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Schwester Lindegard]], ich achte alle meine Brüder und Schwestern, doch kann und will ich mir einfach nicht vorstellen, dass die Sturmherrin das hier gewollt hat...“ Sie beschrieb mit ihrer rechten einen Kreis.
»Algerte«, flötete der Knabe nun, »Du weißt doch sicher, warum der Schweigsame so heißt, nicht wahr? Und was das für seine Diener bedeutet, oder?« Er blickte sie aus seinen tiefblauen Augen an. Ganz klar waren sie. Beinahe so klar, wie der Himmel über ihr. »Und auch für seine Gäste?«


„Dann…“, ich versuchte ihren Gedanken zu folgen, „Dann zweifelt ihr ihn an?“
»Ich kann ein Geheimnis bewahren«, erwiderte sie ihm, »wenn du auch eines bewahren kannst.« Damit hielt sie ihm ihre Hand hin.


„Nein“, meint die Geweihte da, „Ich zweifle lediglich daran, dass sie das hier gewollt hat. Ihr müsst wissen, Schwester Lindegard, dass es kein leichtes Unterfangen ist, den Willen der Götter zu ergründen. Viele haben es schon versucht und viele sind kläglich daran gescheitert.
Mit großen Augen musterte er zuerst ihre dargebotene Hand an und schaute ihr dann in die Augen. »Gut«, erklärte er und schlug ein. »Gut«, stimmte sie zu.


„Ihr glaubt an einen Fehler.
Der Knabe zog seine Hand zurück, steckte sie seine Novizenrobe, holte etwas heraus, ließ sich auf die Knie sinken und säuselte: »Schneepfötchen. Schneepfötchen.«


„Ein Missverständnis“, korrigierte die Geweihte.
Und dann schälte sich etwas aus einem in der Nähe befindlichen Gebüsch heraus. Weiß war es. Hatte eine schlanke, spitze Schnauze, aufrechte, dreieckige Ohren und eisblaue Augen.  


„Dann ist das der Grund, warum Ihr und die anderen Geweihten aus Schwarztannen dieser Auseinandersetzung fern geblieben seid? Weil Ihr daran zweifelt, dass es das ist, was Eure Herrin gewollt hat?“
Algerte stockte der Atem.


Sie antwortete nicht, blickte jedoch in Richtung der Grafschaft Waldstein, was mir Antwort genug war.
=== Schneepfötchen ===
ZFS:


„Vielleicht hat bisher einfach niemand die richtigen Fragen gestellt?“, schloss sie.
Auf leisen Pfoten tapste der weiße Fuchs eilig auf den Knaben zu und fraß aus seiner geöffneten Hand. Er war dabei so ruhig und zutraulich. Algerte stand der Mund offen. Eine Gänsehaut lief ihren Rücken hinab. Sie schüttelte sich.


„Welche Fragen?“, schoss es aus mir heraus. Ich betrachtete sie neugierig und folgte ihrem Blick gen Waldstein.
Nachdem der Fuchs sein Mahl beendet hatte, setzte er sich vor den Knaben und wirkte dabei wie ein zutraulicher Hund. Die Adelige ließ sich neben den Rothaarigen auf den Boden sinken.


„Die Mutter, Schwester Lindegard, steht immer fest, doch der Vater hingegen?“, sie wandte ihren Blick nun in Richtung Waldstein.
»Schneepfötchen«, raunte sie atemlos und glaubte, dieses Namen nicht zum ersten Mal gehört zu haben. »Und Schneepfötchen ist dein ... Geheimnis?«


„Ihr... Ihr habt recht!“, ich nickte, „Warum hat niemand nach dem Vater von Lechmins Kind gefragt? Warum schweigt sie? Und warum... warum fordert er nicht... hm... Vergeltung für den Tod seines Kindes? Ihr glaubt, dass das die ganzen Angelegenheit auflösen würde?
»Ja«, hauchte der Knabe ganz leise, »Er ist mein Geheimnis.« Nun schluckte er schwer. »Er könnte den weißen Raben fangen. Und das... das darf nicht passieren!« Mit vor Schreck geweiteten Augen schaute er sie an. »Niemals! Verstehst du?«


„Vielleicht“, die Geweihte zuckte mit den Schultern, „Vielleicht auch nicht. Wer kann das schon sagen?“ Dann schloss sie ihre Augen und lauschte aufmerksam. „Hört Ihr ihn?“, wisperte sie mit leiser Stimme, „Der Reichsforst, er ruft uns. Er ruft uns lauter denn je...“
Sie nickte stumm.
<!--
== Duell ==
'''[[Garetien:Dorf Erlenfall|Erlenfall]], 19. Rondra 1044 BF'''
Zdf: Hermine von Alka und Drego von Altjachtern duellieren sich bis auf's dritte Blut.


„Im Namen der [[Rondra-Kirche|Sturmleuin]] werden sich in und vor ihrem Angesicht [[Garetien:Hermine von Alka|Hermine von Alka]] und [[Garetien:Drego von Altjachtern|Drego von Altjachtern]] im ehrenhaften Zweikampf messen“, donnerte die Stimme der Rondra-Geweihten [[Garetien:Riena Rhodena von Weißenstein|Riena Rhodena von Weißenstein]] über die Anwesenden hinweg, „Das Duell wird mit Schwert und Schild bis auf‘s dritte Blut ausgetragen. Jenen, den die Sturmleuin als Sieger erwählt, wird die Kontrolle über diesen Landstrich erhalten, die andere Seite hingegen wird ihn auf Jahr und Tag verlassen.
»Hochwürden darf es nicht wissen«, fuhr er fort, »Sie würde ihn hier nicht dulden. Keinen einzigen Tag. Deswegen muss es geheim bleiben. Unser Geheimnis.«


Die beiden Kontrahenten begrüßten sich schweigend mit dem Rondragruß. Beide waren nur leicht gerüstet, zumindest von Baron Drego wusste ich, dass er auch nichts anderes besaß. Er war eben mehr Jäger als Ritter, weswegen schon allein die Wahl der Waffen für ihn unvorteilhaft war.
»Unser Geheimnis«, bestätigte sie nickend, »Wie lange ist er schon hier?«


Die [[Garetien:Elerea ni Rian|beiden]] Rondra-Geweihten erbaten noch den Beistand ihrer Herrin. Und dann erklärte die Weißensteinerin schließlich: „Möge die Sturmleuin weise wählen. So beginnt!“
»Noch nicht lange«, meinte der Knabe, »Und ich füttere ihn immer. Damit er nicht hungrig ist. Damit er keinen Grund hat den weißen Raben zu fangen. Verstehst du?«


Einen Augenblick lang verharrten die beiden, dann setzte Hermine von Alka zum ersten Stich an. Baron Drego wehrte ihn mit seinem Schild ab, nur um sogleich mit seinem Schwert dem nächsten Schlag mehr schlecht als recht abzufangen. Bereits jetzt war offensichtlich was alle wussten, aber sich bisher niemand zu sagen gewagt hatte: Die Waldsteinerin war dem Reichsforster überlegen und das war ihr nicht nur bewusst, sondern das stellte sie auch offensichtlich für jeden zur Schau. Sie führten den Baron bewusst vor.
»Klug von dir«, kommentierte sie, »Weiß du, ich glaube nicht, dass er den weißen Raben fangen wird. Füchse sind überaus klug. Ein ausgewachsener Rabe ist eine schwer zu fangende Beute, da ist es wesentlich einfacher, dir aus der Hand zu fressen.«


Sie führte drei weitere gute Schläge gegen ihren Gegner, allesamt ließ sie Drego an seinem Schild abprallen, dann setzte er zum Gegenangriff an, dem sich die Alka allerdings mit spielerischer Leichtigkeit erwehrte. Die Waldsteinerin erwiderte den Angriff, durchbrach dieses Mal die Verteidigung Dregos und traf ihn an der rechten Schulter und verfehlte nur aufgrund einer ausweichenden Bewegung ihres Gegners dessen ungeschützten Hals. Weitere Schläge und Stiche folgten. Zu bemerken schien er sie jedoch nicht, obgleich er mindestens blaue Flecke oder sogar Brüche davontragen würde. All das stellte die Überlegenheit der Waldsteinerin nur noch mehr zur Schau, denn während sie ihm ordentlich zusetzte, vermochte er dies nicht. Er traf sie mit keinem einzigen Schlag oder gar Stich. Seine Angriffe waren zu vorhersehbar, dafür war seine Verteidigung passabel. Mit seinem Schild vermochte er gut Hals und Kopf zu schützen, mehr allerdings nicht. Und in mir reifte so langsam die Erkenntnis, dass Rondra sich wohl inzwischen entschieden hatte und das ihre Entscheidung bedeutete, dass ich unter den Waldsteinern würde weiterleben müssen…
Er blicke sie an, seine Augen noch größer als zuvor: »Ich weiß, dass Schneepfötchen den weißen Raben nicht fangen wird, Algerte.«


Wieder war es die Alka, die ihren Gegner angriff. Dieses Mal führte sie einen gekonnten Stich an Dregos Schild vorbei in seine Seite. Der Baron schrie auf. Ich hielt die Luft an und auch der Altjachterner verharrte einen Moment regelrecht regungslos. Das nutzte die Alka, stach erneut zu. Wieder in seine Seite. Ein siegreiches Lachen entrann ihrer Kehle. Die Reichsforster waren wie erstarrt. Ich hielt die Luft an. Einen quälend langen Moment verharrten die beiden Kämpfer so. Da muss der Hochmut die Waldsteinerin befallen haben. Siegessicher vernachlässigte sie einen Moment ihre durch ihren Schild gewährte Deckung und ließ es einige Spann tiefer sinken. Drego sah es nicht nur, sondern er nutzte es auch: Er stach ihr sein Schwert über ihren gesenkten Schild hinweg in die Kehle.
Ein kalter Schauer jagte ihr den Rücken hinab: »Du weist ...


Plötzlich war es still. Totenstill.
Der Knabe nickte: »Schneepfötchen ist auf der Suche nach seiner Freundin Mondäuglein.«


Regelrecht ungläubig schien die Alka einige Augenblicke zu verharren, genauso wie alle anderen – ganz gleich ob [[Garetien:Waldsteiner Traditionalisten|Waldsteiner]] oder [[Garetien:Grafschaft Reichsforst|Reichsforster]] – auch. Keiner schien begreifen zu können, was da gerade vor sich ging. Die Alka hatte in diesem Duell einen einzigen Fehler gemacht, der ihr das Leben gekostet hatte. Da entglitt ihr Schild und Schwert, sie sank auf die Knie und starb.
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[[Garetien:Esmeria_Darando_della_Tenna|Esmeria Darando della Tenna]]
-->
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= Fische im Netz =
== Bedenkzeit ==
[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]]


= [[Auf Jahr und Tag — Briefspielreihe|Auf Jahr und Tag]] =
[[Garetien:Leudane von Leuenberg|Sie]] bat sich Bedenkzeit aus. [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]] verstand. Er schien wirklich ein netter Mensch zu sein und darüber hinaus über ein gutes Herz zu verfügen und dennoch, dennoch nahm sie es ihm übel, dass er sie nicht einfach so gehen lassen wollte. Dabei verstand sie ihn. Wenn sie all die Sehnsucht nach meiner Heimat beiseite schob, dann verstand sie ihn. Er konnte sie nicht einfach gehen lassen. Nicht einfach so. Und sie konnte ihm nicht einfach Gefolgschaft schwören. Nicht einfach so.
-->
-->
<!--
= [[Albtraumgestalt — Briefspielreihe‎|Albtraumgestalt]] =
== Einhornfrau ==
'''[[Garetien:Ritterherrschaft Praiosborn|See Praiosborn]], Praios 1045'''


= Der Raller treu =
(...)
 
= [[Der Raller treu — Briefspielreihe|Der Raller treu]] =


== Verschwunden ==
== Verschwunden ==
'''[[Garetien:Markt Rallingen|Markt Rallingen]], im Travia 1044 BF'''
'''[[Garetien:Markt Rallingen|Markt Rallingen]], im Travia 1044 BF'''
= [[Zeit zu sterben — Briefspielreihe|Zeit zu sterben]] =
== [[Geschichten:Zeit zu sterben – Prolog|Prolog]] ==
'''[[Greifenfurt:Junkertum Haselbusch|Junkertum Haselbusch]], Efferd 1044 BF'''
Es war ein winziger Augenblick, ein Moment nicht länger als ein Atemzug, ein Wimpernschlag oder gar ein Herzschlag nur der Unachtsamkeit, des Zögerns, des Nachdenkens, des Verweilens, des Müßigganges oder auch nur der Neugierde der das Leben vom Tod trennte. Und so wie es so manchem Menschen auf Dere erging, erging es auch dem Hasen, der unerwartet meinen Weg kreuzte oder kreuzte ich den seinen? Er zögerte zu lange. Schaute mich zu lange an. Dachte zu lange nach. Verweilte zu lange. Da packte ihn der vom Himmel herabstürzende Habicht mit seinen kräftigen, gelben Krallen und hielt ihn fest. Das Tier kämpfte und schrie verzweifelt um sein Leben, doch der Habicht hielt es fest. Es sprang und tobte, doch unerbittlich hielt der Habicht es fest.
Und einen winzigen Augenblick später tauchte ein Hund auf. Ein brauner, alter, etwas zotteliger Hund. Auch er verharrte. Zögerte. Schaute [[Greifenfurt:Marbodane von Haselbusch|mich]] an. Interessiert. Neugierig. Er dachte nach. Er dachte angestrengt nach. Schnupperte. Ob er mich kannte? Und einen winzigen Augenblick später tauchte eine [[Greifenfurt:Tessia von Haselbusch|Frau]] auf, eilte an die Seite des Habichts, kniete sich nieder, packte den Hasen und machte ihm den Garaus, wobei sie die Bauchdecke des Tieres mit seinem Eberfänger öffnete um dem Habicht seinen Anteil zu geben. Gierig fiel der Vogel über die Eingeweide der Beute her.
So war er, mein [[Boron-Kirche|Herr]], Gebieter über Schlaf und Tod. Unablässig und unerbittlich schickte er seine Diener aus. Und nun hatte er mich hierher geschickt: Nach [[Greifenfurt:Burg Haselbusch|Hause]]...
== [[Geschichten:Zeit zu sterben – Wiedersehen|Wiedersehen]] ==
'''[[Greifenfurt:Junkertum Haselbusch|Junkertum Haselbusch]], Efferd 1044 BF'''
Blut tropfte von der schimmernden Klinge des Eberfängers. Die Frau richtete sich auf und erst da fiel ihr Blick auf mich. Einen Moment verharrte auch sie, zögerte, dachte nach. Ob sie sich wohl fragte, warum ihr Hund nicht gebellt hatte?
„Dela?“, Tessia von Haselbusch musterte mich, „Nein! Marbo... [[Greifenfurt:Marbodane von Haselbusch|Marbodane]]?“
Langsam nickte ich. Gemächlich trottete der Hund auf mich zu.
„Ich... ich hätte dich fast nicht erkannt“, erklärte sie etwas verwundert, „Du... du hast dich verändert und doch...“ Sie legte ihren Kopf etwas zur Seite und musterte ihre Gegenüber. „... bist du irgendwie dieselbe geblieben.“ Etwas verwundert zuckte sie mit den Schultern. „Lediglich älter bist du geworden. Ja...“ Ein verschmitztes Lächeln legte sich über ihre Wangen. „... älter.“
Ich erwiderte ihr Lächeln: „Älter bin ich geworden, [[Greifenfurt:Tessia von Haselbusch|Tessia]].“ Der Hund – besser gesagt eine Hündin – war nun ganz nahe bei mir. Interessiert roch sie an mir, leckte mir über den Handrücken, ehe sie sich vor mir ins Gras warf, mir ihren nackten Bauch entgegen reckte um von mir gestreichelt zu werden. „Aber Irmi...“, ich ging in die Knie und kraulte das Tier ausgiebig, „Irmi hat mich erkannt.“
„Ja...“, die Jägerin säuberte eilig ihren Eberfänger und steckte ihn zurück in die Scheide, „Es verwundert mich. Sie ist alt geworden, Marbodane. Ich meine, wie lange ist es her, dass du nicht mehr hier warst?“ Unwissend zuckte sie mit den Schultern. „Ich hatte nicht erwartet, dass sie dich nach all den Götterläufen noch erkennt. Sie erkennt ja geradeso noch [[Greifenfurt:Dankwart von Haselbusch|Dankwart]] und mich, aber dich?“ Fragend blickte sie ihre Gegenüber an.
„Tiere haben ein Gespür für den Tod“, wusste ich, „Das sagt man auch uns nach oder viel mehr unserem [[Boron-Kirche|Herrn]]...“
„Dann bist du gekommen, weil... ?“, die Frau schluckte schwer, „... jemand von uns sterben wird?“
Ich nickte.
== [[Geschichten:Zeit zu sterben – Erinnerung|Erinnerung]] ==
'''[[Greifenfurt:Junkertum Haselbusch|Junkertum Haselbusch]], Efferd 1044 BF'''
[[Greifenfurt:Tessia von Haselbusch|Tessia]] schluckte schwer und versuchte sich an einem Lächeln während sie mir kehlig erklärte: „Sterben müssen wir alle eines Tages, nicht wahr?“
„So ist es“, erwiderte ich und sah in ihren Augen die Angst, die Angst jemanden den sie von Herzen liebte zu verlieren. Ich kannte diese Angst nur zu gut, zwar nicht von mir selbst, aber von jenen Menschen, denen ich begegnete. Mein [[Boron-Kirche|Herr]] war bei den meisten gefürchtet, so nahm er ihnen doch das Liebste. Und obgleich er doch auch der Herr über den Schlaf und auch über die Träume war, so dachte kaum jemand an diese Aspekte wenn er meiner ansichtig wurde...
„Nun gut“, schloss die Junkersgemahlin sichtlich ernst, „Dann wollen wir mal auf die [[Greifenfurt:Burg Haselburg|Haselburg]] gehen. Ich würde gerne sagen, dass [[Greifenfurt:Dankwart von Haselbusch|Dankwart]] sich freuen wird, dich zu sehen, [[Greifenfurt:Marbodane von Haselbusch|Marbodane]], aber ich fürchte, dass das nicht der Wahrheit entspricht...“
Verständnisvoll nickte ich: „Ich weiß, Tessia, ich weiß. Er grollt mir noch immer...“
„Tief in seinem Herzen weiß er wohl, dass du keine Schuld trägst“, nun klang ihre Stimme bitter, „Aber...“ Regelrecht hilflos zuckte sie nun mit den Schultern. „Schon bevor wir dich und deine [[Greifenfurt:Daria von Haselbusch|Schwester]] nach dem Tod eures [[Greifenfurt:Dankraul von Haselbusch|Vaters]] auf der Haselburg aufgenommen haben, haben wir Kinder verloren. Das letzte kurz bevor du dein Noviziat begonnen hast...“ Damals hatte es meinem Oheim gereicht. Er hatte meine Anwesenheit einfach nicht mehr ertragen. So hatte er mich fortgeschickt. Ein Noviziat in der Boron-Kirche war ihm passend erschienen, schließlich hatte ich stets gewusst, wann jemand stirbt, eine seltsame Gabe, die nicht nur ihn verängstigt hatte. Zu jenem Zeitpunkt hatte man mir meinen heutigen Namen gegeben: Marbodane. „... danach hat uns [[Tsa-Kirche|Tsa]] diese zweifelhafte Gnade nicht mehr zuteil werden lassen.“
„Bist du traurig darüber?“
„Ich weißt nicht recht“, meinte sie da unsicher, „Irgendwie schon und irgendwie auch nicht. Ich... ich weiß es einfach nicht. Ich meine...“ Wieder zuckte sie mit den Schultern. „Dankwart und ich haben immerhin Lechdan und das ist mehr als manche andere haben. Ich will auch nicht undankbar sein, aber... aber manchmal frage ich mich schon, warum ausgerechnet uns das passieren musste...“ Etwas fragend blickte sie die Geweihte an.
„Darauf kann ich dir keine zufriedenstellende Antwort geben“, erwiderte ich leise seufzend, „Aber vielleicht ist euch das passiert, weil ihr das ertragen konntet, jemand anders wäre vermutlich daran zerbrochen...“
Tessia schwieg sich dazu aus, aber an ihrer Reaktion sah ich deutlich, dass sie meine Worte nicht richtig an sich heranlassen konnte und auch gar nicht wollte.
Wenige Augenblicke als die Haselburg – eher ein befestigtes Haus als eine Burg – vor uns auftauchte, wollte sie sehr ernst von mir wissen: „Ist es [[Greifenfurt:Lechdan von Haselbusch|Lechdan]]? Wird er sterben?“
Ich schüttelte den Kopf: „Es ist jemand hier. Hier auf der Haselburg.“
Seltsamerweise schien sie erleichtert. Vermutlich lag es einfach daran, dass die größte Sorge meines Oheims stets jene gewesen war, auch noch Lechdan zu verlieren. Er war eben ihr einziges Kind und der designierte Erbe. Aus diesem Grund hatte mein Oheim mich auch fortgeschickt, ganz so als könnte er damit verhindern, dass es weitere Tote gäbe...
== [[Geschichten:Zeit zu sterben – Mutter|Mutter]] ==
'''[[Greifenfurt:Junkertum Haselbusch|Junkertum Haselbusch]], Efferd 1044 BF'''
„Wie geht es...“, [[Greifenfurt:Tessia von Haselbusch|Tessia]] stockte einen Moment während sie ihren Habicht in die Voliere brachte, entschied sich dann aber ihre Frage zu Ende zu formulieren, „... deiner [[Greifenfurt:Korgunde von Korbronn|Mutter]]?“
Es dauerte entsetzlich lange, bis ich eingestand: „Ich habe sie schon sehr lange nicht mehr gesehen. Sehr lange.“
„Hm“, machte die Haselbuscherin da, „Ist sie denn nicht mehr... im... im [[Greifenfurt:Kloster Rabenhorst|Kloster]]?“
„Das Kloster ist groß“, erwiderte ich ihr da, „Vielleicht ist sie noch da, vielleicht aber auch nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“ Dann hielt ich einen Moment inne. „Abgesehen davon war ich auch nicht sonderlich oft im Kloster, eigentlich war ich nur dann da, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Das war nicht oft. Die meiste Zeit war ich unterwegs. Manchmal glaube ich, dass das die Absicht meiner Lehrmeisterin war. Sie wollte mich nicht zu sehr mit der Vergangenheit konfrontieren...“
„Schade“, kommentierte die Junkerin seufzend, „Schade ist es trotzdem. Sie ist immerhin deine Mutter.“
„Ja“, entfuhr es mir kehlig, „Das schon, aber... sie könnte mir ohnehin nichts erzählen. Sie hat... hat vor geraumer Zeit eine Schweigegelübde abgelegt...“
„WAS?“, entfuhr es der Älteren vollkommen fassungslos als sie die Voliere wieder verließ, „Warum?“
Wieder zuckte ich mit den Schultern: „Auch das weiß ich nicht. Meine Lehrmeisterin hat es mir gesagt. Vor meiner Weihe. Zu dieser Zeit hatte ich nämlich überlegt sie aufzusuchen und nach... nach [[Greifenfurt:Dankraul von Haselbusch|meinem Vater]] zu fragen. Aber...“ Meine Stimme brach. Über meinen Vater wusste ich kaum etwas. Er war seit langem tot. Ich hatte ihn nie kennengelernt. Selbst meine ältere Schwester [[Greifenfurt:Daria von Haselbusch|Daria]] konnte sich kaum an ihn erinnern. „... dafür war es zu spät.“ Ich versuchte mich an einem Lächeln, denn ich spürte den mitleidigen Blick meiner Base auf mir Ruhen. „Als sie es mir sagte, hatte sie Tränen in den Augen. So wie du jetzt...“
„Ach, [[Greifenfurt:Marbodane von Haselbusch|Marbodane]]“, schniefte sie, „Ich hatte so gehofft, dass sie dir irgendwann alles erklären könnte, denn ich...“ Sie schluckte schwer. „... ich weiß nicht, ob es [[Greifenfurt:Dankwart von Haselbusch|Dankwart]] je tun wird und ich selbst weiß zu wenig. Und... und wenn er es nicht tut dann... dann...“ Tessia zuckte sichtlich hilflos mit den Schultern. „... dann wird es für ewig im Dunkeln liegen.“
„Und du?“, wollte ich zaghaft wissen, „Weißt du nichts?“
Tessia schaute zu Marbodane auf. Die [[Boron-Kirche|Boron]]-Geweihte war inzwischen etwas größer als ihre Base. „Ich weiß nur das, was man sich darüber erzählt. Was man sich hier darüber erzählt“, erwiderte sie mit rauer Stimme und zuckte sogleich entschuldigend mit den Schultern, „Ich weiß nichts darüber, was wirklich war, denn man erzählt sich viel, auch Dinge, die nicht wahr sind und da ich nicht weiß, was war...“ Sie hielt inne. „Was soll ich dir da erzählen?“
= Das dritte Kind =
== Albträume ==
'''[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]], Firun 1045 BF'''
''Im Zimmer war es nahezu finster, obgleich draußen die Praiosscheibe hoch am Himmel stand. Die Luft war stickig und muffig, es roch nach kaltem Schweiß und nach Blut. Einige Kerzen versuchten die düstere Stimmung mit ihrem diesigen Licht zu vertreiben und vermochte es doch einfach nicht. Es war still. Entsetzlich still. Totenstill. [[Garetien:Ailsa ni Rian|Ailsa]] lag ruhig auf dem Bett, nahezu reglos.''
''„Ist es... ist es... tot?“, wisperte er leise der [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Hofkaplanin]] neben ihm zu.''
''„Ja“, hauchte sie fast tonlos und nickte zaghaft, „[[Garetien:Ederlinde Etilia von Altjachtern|Es]] ist tot und... und Eure Gattin...“ Erleichtert seufzte [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]]. Erleichtert, weil er sich nun nicht mehr entscheiden musste, wie er mit einem Kind umgehen sollte, dass doch nicht seines war. Die Götter hatte ein einsehen gehabt und ihn von dieser Entscheidung freigesprochen. „Die Götter haben weise entschieden“, schloss er und nickte ernst.''
''Die Peraine-Geweihte blickte ihn fassungslos an und schüttelte ihren Kopf. Mit anklagender Stimme erklärte sie: „Hochgeboren, wie könnt Ihr von einer weisen Entscheidung der Götter sprechen? Es war Eure Entscheidung! Eure allein! Und dadurch das Ihr nichts entschieden habt und untätig wart haben die Götter nun ihre weise Entscheidung gefällt das Ungeborene nicht allein übers Nirgendmeer zu schicken.“''
''Ein kalter Schauer ergriff von ihm Besitz, seine Hände begannen zu zittern, ungläubig schüttelte er seinen Kopf, dann stürzte er an das Bett seiner Liebsten nur um...''
{{Trenner Garetien}}
... schweißgebadet und schreiend zu erwachen. Drego von Altjachtern setzte sich auf und rang um Atem und noch mehr um Fassung. Kaum einen Wimpernschlag nachdem er von diesem entsetzlichen Traum aus dem Schlaf gerissen worden war, klopfte es an der Tür und [[Garetien:Jast Helmbald von Schwippingen|Jast]] trat herein: „Hochgeboren, braucht Ihr etwas?“
„Wo ist ''Orknäschen''?“, wollte er wissen.
„Ähm“, der Knappe schien einen Moment irritiert, „Ihr habt sie am Morgen nach Esenfeld zu meiner [[Garetien:Rondrara von Treleneck|Mutter]] bringen lassen, Hochgeboren.“
„Ja“, stimmte Baron Drego ihm tonlos zu, „Dann... dann... dann bringt mir Schwester Lindegard. Sofort.“
„Ja“, erwiderte der Knappe da, „Sehr wohl.“
Doch nach einiger Zeit kam er ohne die Geweihten zurück: „Schwester Lindegard ist nach [[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Esenfeld]] zu Eurer Gattin aufgebrochen. Meine Mutter hat nach ihr geschickt.“
„Dann... dann bring mir Euer Gnaden Rían“, verlangte er.
„Welche?“
Er verdrehte die Augen: „Euer Gnaden [[Garetien:Elerea ni Rian|Elerea ni Rian]].“
„Hält sich derzeit wahrscheinlich in ihrem [[Garetien:Tempel zu Ehren der Heiligen Thalionmel zu Schwarztannen|Heimattempel]] in Schwarztannen auf“, konnte er nur vermuten, „Auf Scharfenstein ist sie jedenfalls nicht. Doch zu dieser nachtschlafenden Zeit sind die Stadttore [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannens]] geschlossen. Soll ich Euer Gnaden [[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai ni Rían]] wecken?“
„Nein“, entschied er, „Nein. Es wird auch so gehen. Gehen müssen. Ich möchte beten, geh jetzt.“
== Bitte ==
Gegeben im Tsa 1045, Esenfeld
{{Brief
|Adressat=An Euer Hochgeboren [[Garetien:Drego von Altjachtern|Drego von Altjachtern]], Baron zu [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]], [[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]]<br/><br/>
Liebster Drego,
|Text=so gerne ich unsere Kinder auch sehe und sie um mich habe, so sehr muss ich Dich nun darum bitten, sie nicht mehr zu mir bringen zu lassen. Nicht nur, dass der Weg für sie aufgrund ihres Alters doch recht beschwerlich ist, sondern ich kann mich derzeit auch nicht richtig um sie kümmern. Sie lernen gerade die Welt zu entdecken und ich bin ihnen dabei mehr Last als Hilfe. Abgesehen davon ist es mein Wunsch, dass sie sich nicht so an mich erinnern. Trotz der Ruhe und Pflege die mir hier zuteilt wird bessert mein Zustand sich leider bisher nicht. Ich bete zu den Göttern, dass sie mir beistehen. Mehr bleibt mir nicht zu tun. Die Zeit wird zeigen, ob die Götter mich erhören werden. Bis dahin gib gut auf unsere Kinder acht.
|Absender=[[Garetien:Ailsa ni Rian|Ailsa ni Rían]]<br/>Reichsritterin zu Praiosborn
}}


=Weitere Ideen=
=Weitere Ideen=
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*Die Krähe und ihr falsches Täubchen
*Die Krähe und ihr falsches Täubchen
*Hühnerbeinchen für Drego
*Hühnerbeinchen für Drego
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Aktuelle Version vom 30. Dezember 2025, 20:23 Uhr

Hier entstehen meine Briefspieltexte und werden sorgsam verwahrt, bis ich weiß, wohin sie sollen.
Es ist ausdrücklich erlaubt, Rechtschreibfehler sowie Fehler der Zeichensetzung zu korrigieren, genauso wie verloren gegangene Buchstaben richtig zu ergänzen und überzählige einzusammeln - dies gilt auch für meine anderen Texte.

Mondäuglein

Gedanken

Zurückzublicken und die eigenen Taten zu beurteilen, ist dem Menschen wohl zutiefst zu eigen. Damit einher geht natürlich die Frage, was man mit dem heutigen Wissen als hätte ändern können. Hätte man das damals bereits gewusst, hätte man alles zum Besseren wenden können – die Welt wäre eine ganz andere, eine bessere. Ja, dieser Blick zurück. Wie verlockend er doch ist! Wie verheißungsvoll! Und wie töricht zugleich. Wie die Menschen nur glauben können, eine einzige Entscheidung von ihnen hätte den Lauf der Dinge ändern können? Sind sie doch nicht mehr als ein winziger Wassertropfen im sommerlichen Morgendunst. Kaum sichtbar, wenig mehr als ein hauchdünner Schleier, durch den man in die Welt blickt, der kaum etwas verhüllt und der ebenso schnell und abrupt verschwindet, wie er gekommen ist. Das Ende, unausweichlich und unabdingbar. Und obwohl sie sich ihrer eigenen Bestimmung bewusst sind, nämlich der, dass sie alle sterben werden, verhalten sie sich nicht so. Sie geben nicht acht. Sie riskieren. Angetrieben vom Gefühl, dass sie mehr verdient haben. Mehr als andere. Weitaus mehr. Von Hass und Ehrgeiz, Neid und Eifersucht zerfressen, vergessen sie ihre eigene Sterblichkeit und riskieren, das Einzige, das sie wirklich ihr Eigen nennen können: Ihr Leben. Interessant, nicht wahr?


Esenfeld

Fremder

ZSF01: Ein Fremder kommt nach Esenfeld

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

»Es ist Zeit«, hob der Fremde an und bedachte die Frau ihm gegenüber aus seinen kalten, blauen Augen voller Abscheu. Der Mann saß hoch zu Ross. Er war ein harter Mann von kräftiger und Statur, dabei ungewöhnlich groß, mit noch immer dichtem schwarzem Haar und einer unfassbar tiefen Stimme. Über einem Kettenhemd trug er einen Wappenrock in Schwarz und Gelb. Ein Schwert in einer kunstvollen Scheide hing an seiner linken Seite. Seine Begleiter waren ebenfalls gerüstet und bewaffnet. Grimmig schauten sie drein. Die Pferde schnaubten. Unruhig drehten sie die Ohren. Das des Bannerträgers tänzelte einige Schritte rückwärts. Das Banner, das zwei schwarze Tannen auf zwei schwarzen Hügeln auf goldenem Grund zeigte, hing trostlos herab. Noch lag eine unerträglich schwüle Hitze über dem Land, doch begannen sich bereits dunkle Wolken am Himmel zu sammeln und einen unheilvollen Schatten auf den Innenhof zu werfen.

Während sich die Bediensteten des Wehrhofs dicht an die Gebäude gedrängt hatten, stand nur eine einzige Frau im Innenhof unweit der alten Eiche. Ein alter und ehrwürdiger Baum, der auch heute noch reichlich Blätter an seinen knorrigen und verwachsenen Ästen trug und dem man nachsagte, dass er schon immer an diesem Ort gestanden haben – noch weit vor dem Wehrhof. Eine alte Legende besagt, dass die Unschuldigen unter ihm stets Schutz fänden.

»Einen weiteren Götterlauf«, bat die Frau unweit des Baumes mit fester Stimme und nickte, wobei ihr eine Strähne ihres dunkelblonden Haares dabei ins Gesicht fiel. Mit einer eleganten Bewegung strich sie es zurück. Ihre tiefbraunen Rehaugen blickten zu dem Reiter empor. Sanft wirkten ihre Züge. Zurückhaltend. Regelrecht verhuscht. »Nur noch einen. Es wird der letzte sein. Ich bitte dich, Ardo, nur noch dieses eine Mal.«

»Nein«, erwiderte der Ritter barsch und ließ seine Rechte durch die Luft schnellen. Seine Augen funkelten zornig. Seine Gesichtszüge waren angespannt. »Nichts da.«

»Im Namen der Götter«, hob sie nun an und beugte beide Knie, wie man es nur vor den Göttern tat, ihr Haupt hielt sie dabei gesenkt, »Im Namen der Sturmherrin, ich flehe dich an: Lass mir meine Kinder. Es ist ein einziger weiterer Götterlauf, um den ich dich bitte. Nur einen noch. Danach sind sie dein. Ich schwöre es.« Bei den letzten Worten blickte sie auf. Ihre Blicke trafen sich. »Vor dem Gerechten.« Sie hob ihre Hand, als wollte sie einen Schwur ablegen.

Er lachte nur: »Vorbei sind die Zeiten, da der Blick eines scheuen Rehes mich milde stimmte.«

»Sie sind noch zu jung«, beharrte sie, »Gibt ihnen noch einen weiteren Götterlauf, Ardo.«

»Wozu?«, spie er nur hervor, »Was solltest ausgerechnet du, Algerte, ihnen geben können?« Einen Moment herrschte angespannte Stille. »Außer Lügen und Verrat?«

»Die Liebe einer Mutter«, kam ihre Antwort prompt, wobei sie ihre Hände einer Umarmung gleich ausbreitete, »Und wenn eine die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern versteht, dann gewiss die Leuin höchst selbst.«

»Liebe gewinnt keinen einzigen Kampf, sie macht einen nur...«, er hielt einen Moment inne und blickte sie mit seinen harten Augen an, »... weich.« Er schluckte. »Naive.« Nun nahm er das Kinn ein Stück weiter nach oben. »Dumm.«

Erste Regentropfen begannen zu fallen. An der Wange der Hausherrin rann einer herab oder war es doch eine Träne?

»Ich habe dich zu lange gewähren lassen. Habe dich beschützt. Habe zu dir gestanden. Aber du...« Er holte Atem. »Die Kinder brauchen endlich ihren Vater!«

Nun lachte sie: »Ihren Vater? Ihren VATER?« Ihre Stimme überschlug sich. Leise begann Donner über sie hinwegzugrollen. Er drückte die Lippen fest aufeinander. Hielt die Zügel verkrampft in seinen Händen. »Vor Götterläufen hätten sie dich gebraucht. Vor Götterlaufen, Ardo! Ein jeder hier ist mehr Vater als du es je sei...«

Da stieß er seinem Pferd die Haken in die Flanken. Sie erhob sich. Das Tier preschte nach vorne. Zorn funkelte in seinen Augen. Nein, purer Hass. Vielleicht sogar Mordlust. Doch sie blieb stehen. Hielt seinem Blick stand. Reckte ihren Kopf noch ein wenig höher. Sie war stolz auf ihre Kinder. Auf jedes einzelne von ihnen. Niemals würde sie zulassen, dass er sie einfach so ihr wegnahm. Wie lange hatte er sich nicht für seine Kinder interessiert? Sie wich nicht aus. Sie blieb stehen. Und sein Hengst ritt sie einfach nieder. Begrub sie einfach unter sich. Sie hatte noch nicht einmal Zeit zu schreien oder war es das Donnergrollen, dass ihre Schreie übertönte? Reglos blieb sie liegen. Nur ihr Brustkorb hob und senkte sich. Blut quell aus verschiedenen Wunden empor. Der Regen wusch es fort. Und ihre Augen folgten dem Mann, dessen Kinder sie geboren hatte.

Er wendete das Pferd. Brachte es zum Stehen. Wieder grollte es. Es begann noch heftiger zu regnen. Er blickt auf die am Boden liegende herab. Sah das Blut. Mächtiger Donner fegte über sie hinweg. Das Banner begann in der aufgekommenen Brise hart zu flackern.

»Lasst sie liegen«, befahl er. Und alle gehorchten. Drängten sich noch dichter an die Gebäude. Nicht jedoch etwa aus Angst vor Wind und Wetter. Er war es, vor dem sie sich fürchteten. Und die beiden Knaben begriffen, dass er der gestrenge Herr sein musste, von dem ihnen ihre Mutter immer erzählt, ja vor dem sie eindringlich gewarnt hatte. Er war der Ritter zu Esenfeld. Er war ihr Vater.

Vater

ZSF02: Die beiden Knaben lernen ihren Vater kennen.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

Der Ritter zu Esenfeld stieg vom Pferd. Seine Gefolgsleute taten es ihm gleich. Knechte kamen herbeigeeilt, kümmerten sich um die Tiere, während Regen und Wind über sie hinwegpeitschten. Donner grollte markerschütternd. Wütende Blitze zuckte vom Himmel herab. Erhellten den inzwischen stockfinster gewordenen Innenhof Esenfelds. Die Männer, der Ritter zu Esenfeld allen voran, drängten in das Gebäude hinein. Die Bediensteten wichen zurück. Die beiden Knaben, die noch immer stocksteif unweit der Tür standen, fassten sich unbewusst an den Händen, der kleinere der Knabe drängte sich an seinen größeren Bruder. Beide hatten sie das pechschwarze Haar ihres Vaters und die weichen, tiefbraunen Augen ihrer Mutter. Hinter ihnen stand eine junge Frau mit leicht dunklerer Haut, grünen Augen und rotblondem Haar. Gerade eben hatten ihre beiden Hände auf den Schultern der Knaben geruht, nun ließ sie sie herab gleiten und wollte sich gerade ins Innere des Hauses zurückziehen, da trat der Hausherr mit festen Schritten entschieden auf die beiden Knaben zu und fixierte sie mit seinen harten kalten blauen Augen.

»Was steht ihr noch hier rum?«, blaffte er sie an, »Sorgt dafür, dass meine Männer etwas Vernünftiges zu Essen und Trinken bekommen, so lange Efferd uns zürnt.« 

Ungläubig blickten die beiden noch immer dicht aneinander gedrängten Knaben, der eine mehr als einen Kopf kleiner als der andere, zu dem Fremden auf. »Rondra«, wisperte der Jüngere. Die linke Augenbraue des Ritters zuckte steil nach oben, seine Hand schnellte nach hinten und dann nach vorne auf die Wange des Knaben. Der schrie entsetzt auf, drückte sich in die Arme seines großen Bruders. Tränen schossen ihm in die Augen und Blut tropfte aus seiner Nase.

»Erhebe noch ein einziges Mal das Wort gegen deinen Vater und du liegst da draußen neben deiner ... «, drohte er mit erhobener Hand. Jene Hand, mit der er den Knaben eben gerade geschlagen hatte. »... Mutter.« 

»Ja, Hoher Herr«, erwiderte der Ältere, während er noch immer seinen heftig, schluchzenden Bruder in seinen Armen hielt, »Geht doch schon einmal hinein. Wir werden Euch sogleich bewirten.«

Wieder lag der harte und kalte Blick des Mannes auf den beiden Knaben. Und ohne seine Söhne eines weiteren Blickes zu würdigen, ging der Ritter zu Esenfeld an ihnen vorbei und auf die rotblonde Frau zu, die furchterfüllt immer weiter und weiter zurückwich. Ihm folgten seine Männer.

»Ich werde dich beschützen, Moribert«, wisperte der größere Knabe, dem noch immer weinenden kleineren zu als die Männer außer Hörweite waren, »Bleib einfach immer hinter mir, dann kann er dir nichts tun.« Er fuhr seinem Bruder über das kurze, schwarze Haar. Die beiden trennten sich. Moribert tropfte noch immer Blut aus der Nase. Der Regen wusch es fort. »Gishelm«, wimmerte der jedoch nur erstickt, »Ist das wirklich unser Vater?« Sein Blick glitt zu der noch immer reglos im Regen liegenden Frau. Ihrer Mutter. Ihre Augen waren noch immer geöffnet. Hatten die beiden Knaben fixiert. Ihre Lippen bewegten sich tonlos. Gishelm senkte den Blick.

Bastard

ZSF03a: Ein Bastard verdirbt dem Ritter zu Esenfeld die Laune.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

Ardo von Schwarztannen war gerade dabei den Wehrhof wieder in Besitz zu nehmen, da fiel sein Blick auf eine junge Frau. Eine junge Frau, die er noch nie zuvor hier gesehen hatte. Eine sehr hübsche junge Frau mit rotblondem Haar und tiefgrünen Augen und dem verheißungsvollen Hauch von Andersartigkeit. Der Ritter war nicht nur für seine Begierde bekannt, sondern auch dafür, sich zu nehmen, was er glaubte, was ihm zustünde.

Mit seinen kalten, blauen Augen fixierte er sie. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinab. Sie schluckte schwer und stellte mit zitternden Händen den großen Bierkrug direkt neben ihm ab. Gerade als sie sich zurückziehen wollte, schnellte seine Hand nach vorne und packte sie am Handgelenk. Ein Schrei entrann ihrer Kehle, ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, ihr Atem ging schnell. Sie versuchte ihm ihr Handgelenk zu entwinden, aber er hielt sie nur noch fester. Immer fester.

»Schenk mir ein«, befahl er mit kalter Stimme und ließ abrupt ihre Hand los. Sie taumelte nach hinten. Umfasste instinktiv mit der unversehrten Hand ihr schmerzendes Gelenk und begann heftig zu schluchzen. »Schenk mir ein«, wiederholte er mit schneidender Stimme, »SOFORT!«

Das Schluchzen verstummte abrupt. Mit gebeugten Haupt trat sie erneut zu ihm heran, nahm mit der unversehrten Hand den Krug und goss zitternd und wimmernd Bier in seinen Becher ein. Und gerade als sie den Krug absetzte, da umfasste er seinen Becher, wandte sich zu ihr um und schüttete ihr den Inhalt ins Gesicht, wobei er mit trockener Stimme sage: »Du hast Bier verschüttet.«

Sie schrie auf und zuckte zusammen, taumelte dabei einige Schritte zurück. Inzwischen zitterte sie am ganzen Körper.

»Du hast Bier verschüttet«, wiederholte er erneut, »Dein ganzes Kleid ist voll davon.« Seine Gefolgsmänner verstummten. »So etwas dulde ich an meiner Tafel nicht.« Da rappelte sie sich mühsam auf. Den Kopf hielt sie noch immer gesenkt. Das Bier tropfte an ihr herab. Alle Blicke lagen auf ihr. Sie ging rückwärts Richtung Tür. Nur noch wenige Schritte. Bald würde sie diesem Scheusal entkommen sein. Doch dann richtete er erneut das Wort an sie: »Zieh es aus!« 

Die Rotblonde versuchte zu entkommen, doch die beiden Getreuen des Ritters unweit der Tür, packten sie einfach. Mit roher Gewalt zerrten sie die Frau zu ihrem Herren. Sie wehrte sich, schlug und trat um sich, doch die Männer waren einfach stärker und nachdem sie sie bei ihrem rotblondem Schopf gepackt hatten, ließ ihre Gegenwehr nach. Vor dem Herrn zu Esenfeld wurde sie bäuchlings zu Boden geworfen.

»Es gibt zwei Möglichkeiten«, meinte der Hausherr, erhob sich und trat auf die am Boden liegende zu. Ihr tränennasses Gesicht wandte sie von ihm ab. Sie wusste, was ihr drohte. Und auf Milde zu hoffen, war vergeblich. Ebenso auf Hilfe. »Entweder du tust es selbst oder...«, damit ließ er seinen Blick demonstrativ über seine Begleiter gehen, »... sie werden es tun.« Er hielt einen Moment inne. Und beugte sich zu ihr hinab. »Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen«, raunte er ihr zu, »Damit werden sie nicht aufhören.« Sie wimmerte. »Nun? Wie entscheidest du dich?«

Wimmernd und zitternd und bibbernd erhob sie sich. Ihr Gesicht von Tränen bedeckt. Und langsam, unter erstickten Schluchzen begann sie ihre Kleidung abzulegen. Und er begutachtete sie eindringlich. Musterte jedes Stück ihres Körpers, bis sein Blick an dem Brandmal an ihrer linken Brust hängen blieb. Eine Hand mit fünf abgespreizten Fingern – das Wappen der Familie Schwarztannen.

»Verschwinde!«, angewidert wandte er sich ab, »Verkommener Bastard.«

Brüder

ZSF03b: Der Vater hasst die Mutter der Knaben, doch das war nicht immer so.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

Der Herr zu Esenfeld blieb über Nacht, denn der Zorn Efferds – viele eher Rondras, wenn man dem leisen Wispern der Bediensteten hinter vorgehaltener Hand glaubte – verzog sich nicht so schnell. Lange grollte es bedrohlich. Der Himmel in ein giftiges dunkles Grün getaucht. Und Blitz um Blitz zuckte herab. Einer setzte sogar die große, mächtige Eiche im Innenhof Esenfels in Brand. Erst da erlaubte der Herr, die Hausherrin endlich fortzuschaffen und das auch nur, weil sie im Weg lag, nicht etwa aus ... Mitleid, wie er wiederholt betonte.

Und erst als die Herrschaft schlief, hatte die rotblonde Zofe der Hausherrin es gewagt, nach einem Diener der Herrin Peraine aus Salzungen zu schicken. Indes saß die Zofe der Verletzten an deren Bett, hielt ihre reglose und kalte Hand in der eigenen und musterte ihr ausdrucksloses, blasses Gesicht. Moribert krabbelte der Frau mit dem rotblondem Haar und den grünen Augen auf den Schoß und schmiegte sich dicht an sie. Den noch freien Arm legte sie um den Knaben und hauchte ihm anschließend einen Kuss aufs Haar. Gishelm indes trat neben sie an das Bett seiner Mutter.

»Ist das wirklich unser Vater?«, hob Gishelm hoffnungsvoll an, »Sag, dass er es nicht ist, Waad. Sag es! Bitte!«

Sie schluckte schwer und schüttelte traurig ihren Kopf. »Er ist euer Vater.« Ihr Stimme war ganz warm und weich. Gänsehaut jagte Gishelm Rücken hinab. »Ardo von Schwarztannen-Scharfenstein ist euer Vater. Und du, Gishelm , bist sein Erbe.«

»Ich will nicht, dass er mein Vater ist!«, entfuhr es dem Knaben da, »Ich will nicht sein Sohn sein. Erst recht nicht sein ...« Ihm fröstelte. »Erbe.«

Verständnisvoll nickte Waad.

»Kann nicht jemand anders unser Vater ein?«

»Nein«, erneut schüttelte sie den Kopf, »Das geht nicht. Ihr seid seine Kinder. Es gibt keine Zweifel. Ihr seid sein Fleisch und Blut. Und das ist es, was zählt.«

Einige Tränen liefen dem Knaben über das Gesicht und trotzig erwiderte er: »Ich will das aber nicht. Ich will nicht, dass dieser Mann mein Vater ist. Ich will das nicht.«

»Ich weiß, Gishelm, und ich verstehe dich. Sehr gut sogar.« 

Seit der Geburt der Knaben des jüngeren der beiden Knaben war Waad immerzu um Algerte gewesen. Abends hatte sie mitgeholfen, die Knaben in den Schlaf zu wiegen, ihnen tulamidische Schlaflieder vorgesungen, Geschichten aus ihrer Heimat erzählt, war bei ihren ersten Schritten, ja bei ihren ersten Worten dabei gewesen. Sie hatte gemeinsam mit ihnen Esenfeld entdeckt. War in Bäume geklettert und hatten im Mühlbach geplantscht und im Wald getobt. Und wenn die Beine der Kinder zu schwer waren von den vielen Abenteuern, dann hatten sie sie nach Hause getragen. Abwechselnd natürlich. Sie war immerzu für die Knaben da gewesen. Immer. Jederzeit. Ja, sie war weitaus mehr als eine Zofe. Sie war eine Vertraute. Für die Hausherrin und ihre Kinder.

»Hasst er uns?«, riss Gishelm die Rotblonde aus ihren Gedanken. Unruhig verlagerte der Knabe das Gewicht von einem auf das andere Bein. Einen Moment blickte sie auf den Knaben in ihren Armen. Der ruhige und regelmäßige Atem verriet, dass er eingeschlafen war. »Hasst er uns?«, wiederholte der ältere der Knaben.

»Nein«, versicherte sie sanftmütig, »Nein, er hasst euch nicht. Nicht seine Söhne. Seine Erben. Nein, gewiss nicht. Ich denke sogar...« Sie hielt einen Moment inne. Wirkte angespannt. »... dass er euch liebt. Auf seine... hm... eigene Art.« Waad zog ihre Augenbrauen nach oben. »Sicherlich. Er liebt euch. Da bin ich sicher.«

Doch Gishelm beruhigte das nicht: »Hasst er ... hasst er Mutter?«

Waad konnte nicht anders, sie konnte nur nicken. Und dann, nach einem erschreckend langen Augenblick, in dem sie schwieg und die Hausherrin ernst betrachtete, hauchte sie so leise, dass es gerade so zu verstehen war: »Es war nicht immer so, Gishelm. Er war nicht immer so. Sie waren einander sehr zugetan. Ungleich, doch irgendwie glücklich. Doch dann ist Algerte etwas Schreckliches passiert. Etwas Entsetzliches.«

Gänsehaut erfasste den gesamten Körper des Knaben. So hatte er Waad noch nie sprechen hören. So voller Grauen. Und weil sie nicht mehr sagte, wusste der Knabe, dass es etwas wirklich Schreckliches gewesen sein muss.

Geweihte

ZSF04: Eine Geweihte der Peraine kommt (unerwartet) nach Esenfeld.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

Wenig nach dem Morgengrauen traf eine Geweihte der Herrin Peraine aus Salzungen ein. Zwar missfiel ihr Erscheinen dem Hausherren zutiefst, aber er wusste sehr wohl, dass man einen Diener der Zwölfe nicht ohne weiteres abwies. Und so tat er das, was von ihm erwartet wurde.

»Peraine mit Euch, Euer Hochwürden« grüßte er sie demütig und beugte ganz leicht sein Haupt. Mit einer einladenden Geste bat er sie in das Gebäude hinein. »Habt Dank für Euer Kommen, auch wenn es nicht notwendig gewesen wäre, dass ihr persönlich erscheint.« 

Die ältere Geweihte nickte sanftmütig. Eine Strähne ihres kurzen, grauen Haares fiel ihr ins Gesicht. Sie strich es sich wieder zurück. »Sorgte Euch nicht, Hochgeboren. Wie ein jeder von uns, bin auch ich nur eine Dienerin und deswegen diene ich«, erwiderte sie und fügte unnötigerweise noch hinzu: »So wie auch Ihr nur ein Diener unter dem Angesicht der Götter seid.« 

Ardo von Schwarztannen blickte die Geweihte schweigend und nahezu reglos an. In seinen Augen funkelte Zorn. Unangenehme Stille breitete sich aus.

»Seid doch so gut«, ergriff die Geweihte nun wieder das Wort, »und bringt mich zu Eurer werten Gattin, damit ich sie mir ansehen kann.«

Der Hausherr nickte nur mürrisch, bot der Hochgeweihten seinen Arm an und schritt mit ihr voran. Und während sie miteinander gingen, wollte sie von ihm wissen: »Ist meine gute Freundin Algerte wieder einmal gestürzt, Hochgeboren?«

»Ein bedauerlicher Unfall«, erwiderte er ihr trocken und vermied es sie anzusehen, »Wieder einmal, Hochwürden.«

»Hm«, machte die Geweihte da nur und legte die Finger ihrer freien Hand an ihr Kinn, »Meine gute Freundin ist seit damals einfach nicht mehr sie selbst.« Sie seufzte schwer und schaute betrübt drein. »Armes Kind.« Sie hielt einen Moment inne. »Phex sei Dank hat sie Eure beiden Söhne an ihrer Seite. Sie liebt sie sehr. Vor allem, da...« Sie verstummte.

Der Hausherr schwieg.

»Vermutlich werdet Ihr nicht lange bleiben, Hochgeboren?«, fuhr sie fort.

»Ich bedauere, aber Ihr habt recht«, erwiderte er ihr, »Ich bin nur gekommen, um meine Söhne zu holen.«

Die Geweihte blieb abrupt stehen und schaute ihn lange, ohne ein einziges Wort zu sagen, an. Stoisch hielt er ihren Blick.

»Hochwürden«, ergriff er nun das Wort, »Ich muss mich jetzt nun wirklich empfehlen. Mein Bruder erwartet mich dringend auf Burg Scharfenstein.«

»Ich verstehe«, damit löste sie sich aus seinem Arm, »Werdet Ihr beide Knaben mit Euch nehmen?«

»Sicherlich. Es ist Zeit, dass sie das Leben am Hofe kennenlernen.«

»Auch Moribert? Er scheint mir noch recht jung.«

»Beide«, entgegnete er ihr nur mit unnachgiebigem Blick, »Tut, was Eure Herrin von Euch verlangt. Ich muss tun, was mein Herr von mir verlangt. Peraine mit Euch, Hochwürden.« Damit wollte er sich verabschiedete, wandte sich jedoch noch einmal um: »Sag, wer genau hat denn nach Euch geschickt?« Ein grausames Lächeln legte sich über seine Lippen. Sie zog die Augenbrauen belehrend nach oben und entgegnete lediglich: »Meine Herrin.«

Gefehlte

ZF05: Die Geweihte der Herrin Peraine sieht einen Ausweg.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

»Was ist genau vorgefallen?«, wollte die Geweihte von der rotblonde Zofe wissen, als sie am Bett der Verletzten stand und auf den blutigen Verband um deren Kopf blickte.

Die junge Frau schauten betreten drein und blickten zu Boden. Kein Wort verließ ihre zitternden Lippen. Sie wusste, dass ein jedes Wort ihr das Leben nur noch schwerer machte. Der Hausherr, nachdem er ihre wahre Herkunft erfahren hatte, war sicher nicht gut auf sie zu sprechen. Bisher hatte sie jede Begegnung mit ihm vermeiden können. Dafür hatte ihre Herrin gesorgt. Und sie war froh darüber gewesen, aber nun? Nun würde sie seinen Demütigungen und Grausamkeiten schutzlos ausgeliefert sein. Sie hatte genug Geschichten gehört. Waad wusste sehr gut, zu was er fähig war, selbst wenn nur ein Bruchteil der Gerüchte stimmte. Jede noch so kleine Verfehlung würde der Hausherr hart bestrafen. Und jede ihrer Verfehlungen war auch eine Verfehlung der Hausherrin, seiner Frau.

Die Geweihte seufzte.

»War er es?«, wollte sie nach Abreise des Hausherren mit strengem Blick wissen, »Hat er sie so zugerichtet? Mal wieder?«

Die Zofe schauten auf die Füße der Geweihten. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen.

»Bei Peraine!«, seufzte sie. »Schon gut«, sie winkte ab, »Ich habe schon verstanden. Es ist ja nicht so, als wäre ich das erste Mal hier.« Nachdenklich begann sie ihre Schläfe zu massieren. »Warum nur, Algerte? Warum nur?« Sie prüfte ihre Atmung. Ihre Reflexe. Zog die Augenlider nach oben. Da begann sie mit gekonnten Fingergriffen den Verband um den Kopf der Hausherrin zu lösen, die Wunde in Augenschein zu nehmen, sie zu säubern, zu nähen und neu zu verbinden. So kümmerte sie sich um alle Wunden. Die Zofe ging ihr dabei zur Hand. »War sie die ganze Zeit über bewusstlos?«

Waad nickte stumm.

»Das ist vielleicht kein gutes Zeichen«, erklärte sie. Die Rotblonde blickten zu ihr. Die Geweihte wusch sich die Hände. Trocknete sie an einem Tuch. »Wir werden abwarten müssen. Ich werde bleiben. Den Beistand der Herrin Peraine erbitten. Aber ich habe kein gutes Gefühl dabei. Ich .... « Sie schluckte. »Ich habe Angst, dass...«

»Was solle ich denn tun, Peralina?«, wandte sich Waad sichtlich verzweifelt an die Geweihte.

»Du?«, sie schüttelte den Kopf, »Du tust alles, was in deiner Macht steht. Dies jedoch...« Sie deutet mit einer Geste um sich herum. »... steht nicht in deiner Macht.« Energisch nickte sie. »Es ist an der Zeit, dass sie endlich Schutz bei den Zwölfen sucht.« Mit ernster Miene betrachtete sie die Zofe. »Unter ihrem Schutz wird er es nicht wagen, Hand an sie zu legen, ganz gleich, wie viel Schuld sie zuvor auf sich geladen hat. Die Götter werden schützend ihre Hand über sie halten. In jedem Kloster, in jedem ihrer Tempel wäre sie sicher.«

»Eingesperrt wäre sie«, meldete sich Waad zu Wort, »Könnte diesen Ort nie wieder verlassen, ohne seinen Zorn zu spüren zu bekommen. Und das schlimmer als jemals zuvor. Nie wieder ihre Söhne sehen.«

»Leben muss bewahrt werden. Um jeden Preis. So lehrt es meine Herrin. Und genau das gilt auch für Algerte.« Sie hielt einen Moment inne. »Ihr Tod nutzt nur einem.«

Die junge Frau nickten betrübt.

»Aber welcher Tempel würde ihr Schutz gewähren?«, warf Waad ein, »Ganz Schwarztannen weiß was damals geschehen ist. Die Menschen haben sich die Mäuler über sie zerrissen. Noch heute...« Ihre zitternde Stimme brach.

Peralina zuckte mit den Schultern: »Bis heute kann ich nicht sagen, wem ich wirklich glauben schenken kann.« Sie leckte über ihre Lippen. »Das Urteil war jedoch eindeutig.« Nun nickte sie. »Es gibt nur eine Kirche, die hier in der Baronie einen Tempel ihr eigen nennt und wenig auf die Ereignisse auf Dere gibt. Nur eine.«

Weißer Rabe

Dunkelheit

ZFS: Langsam kommt Algerte wieder zu Bewusstsein, doch noch umfängt sie Dunkelheit.

Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle, Rahja 904 BF

Als sie erwachte war es still um sie herum. Still und dunkel. Die Luft war von Weihrauch erfüllt. Sie versuchte sich zu orientieren. Zu begreifen wo sie war. Aber sie wusste es nicht. Es war zu dunkel. Sie versuchte aufzustehen, aber ihre Glieder waren so unendlich schwer. So versuchte sie ihren Kopf zu heben, doch auch das schaffte sie nicht. Schmerzerfüllt sank sie zurück in das weiche Kissen und atmete angestrengt ein und aus. Ihr Kopf schmerzte. Sie biss die Zähne zusammen. Und erst da bemerkte sie: Sie war nicht allein.

Sie lag in einem Bett, das begriff sie jetzt. Und an ihrem Bett, da saß jemand. Auf der Bettkante saß jemand. Eine Gestalt. Dunkel zeichneten sich ihre Umrisse gegen die sie umgebende Finsternis ab. Ein Schatten. Mehr nicht. Ohne Gesicht. Bestehend aus Dunkelheit. Aus Finsternis. Doch sie hatte keine Angst. Keine Furcht.

Der Schatten beugte sich über sie. Eine Hand oder vielleicht doch eher ein Flügel streifte über ihre Stirn. Ganz weich und anschmiegsam. Da wurden ihre Lieder so schwer, dass sie einfach zufielen. Der Schmerz wich zurück. Und ihr Bewusstsein auch.

»Dem Raben gebührt, was des Raben ist«, raunte eine leise, leicht krächzende Stimme, »Und noch bist du noch nicht ganz sein.«

Vergessen

ZFS: Der Herr des Vergessens hat Algerte ein ganz besonderes Geschenkt gemacht.

Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle, Rahja 904 BF

Immer wieder erwachte sie. Und immer wieder sank sie in die Bewusstlosigkeit zurück. Aber mehr und mehr nahm sie die Welt um sich herum wahr. Geweihte des Schweigsamen kamen, wuschen ihren kraftlosen Körper, wechselten die Verbände, flößten ihr Brühe ein. Sie sprachen kaum, beantworteten ihre Fragen nur spärlich, beteten aber für sie und mit ihr, meist schweigend. Und so seltsam sie das auch zu Beginn fand, so erfüllten sie die Gebete mehr und mehr.

Irgendwann jedoch kam eine Geweihte der Herrin Peraine. Eine ältere Frau mit grauem Haar. Ein leichter Geruch nach Knoblauch lag in der Luft. Vermischte sich mit dem Weihrauch. Die Geweihte setzte sich an ihr Bett, nahm ihre Hand und blickte sie lange an.

»Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du noch am Leben bist«, eine einzelne Träne rollte der Geweihten die Wange hinab. Sie wischte sie nicht fort. Sie tropfte auf ihre Robe und hinterließ einen kleinen nassen Fleck. »Nie zuvor habe ich jemanden gesehen, der so etwas überlebt hat! Nie hätte ich gedacht, dass du das überlebst. Nie! Vermutlich ist es einzig und allein der guten Pflege von...«

»Wo bin ich?«, hob die Verwundete an.

»Im Schoß des Ewigen«, erklärte die Geweihte und blickte gütig auf die Frau hinab. In ihren alten Augen lag Wärme und Zuversicht. »In einem seiner Tempel.«

»Boron«, langsam nickte sie, »Was ... was ist passiert?«

»Du warst dem Tod sehr nahe«, erklärte die Geweihte, »Sehr nahe. Aber Golgari, so sagten uns seine Diener, fand deine Zeit noch nicht gekommen. Und so kämpften wir um dein Leben. Und sie halfen dabei.«

»Hm«, machte die Verletzte nachdenklich und versuchte sich aufzusetzen. Die Geweihte half ihr. Schob ihr ein Kissen in den Rücken. Und setzte sich dann wieder. »Und was ... was ist passiert?« 

»Ein Unglück«, erklärte sie schlicht und so als würde das einfach alles erklären und irgendwie tat es das auch.

»Dann bin ich wohl beim Klettern gestürzt«, schloss sie, »Sollte wohl besser aufpassen.« Sie nickte. »Warum nicht ein Tempel des Herrn Phex? Warum ... Boron?«

Verwundert blickte die Geweihte sie da nun an: »Ich ... ich glaube, ich verstehe nicht.«

»Es ist mein Zweitname. Mein Vater gab ihn mir, weil ich im Phex und dann auch noch am Tag des Glücks geboren wurde. Meine Mutter hielt das erst für einen Scherz.« Sie lachte kurz auf, wobei sie schmerzerfüllt das Gesicht verzerrte. »Wie ... wie geht es ihr?«

»Das... das... ist mir nicht bekannt«, erwiderte die Geweihte kopfschüttelnd, »Aber warum Phex?«

»Weil ich dort im Noviziat bin.«

Die Peraine-Geweihte riss ungläubig die Augen auf. »Noviziat?«, entfuhr es ihr wenig darauf und gerade in jenem Moment, dass gesprochen hatte, setzte eine Art Erkenntnis ein. »Kennst du ... deinen Namen?«

Die Versehrte lachte: »Algerte Phexlieb von Waldfang. Und wer seid Ihr?«

»Erinnerst du dich denn nicht an mich?«

Sie zog die Stirn kraus. Musterte die Geweihte kritisch: »Kennen wir uns?«

»Ich bin Peralina Tempeltreu«, stellte sie sich vor, aber Algerte schüttelte nur Kopf. Peralina nickte noch nachdenklicher. »Kannst du mir sagen, wer der Kaiser des Mittelreiches ist?«

»Valpo von Almada natürlich.«

Schutz

ZFS: Obwohl sie keine Gefangene ist, wird ihr dringend davon abgeraten, den Tempel zu verlassen. Schutz kann Algerte nur hier gewährt werden.

Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle, Rahja 904 BF

»Wer ist der Kaiser?«, wollte Algerte von der Geweihten wissen, nachdem diese sich um ihre Wunde gekümmert und auf die Kante ihres Bettes gesetzt hatte um zu beten.

Die Geweihte hob langsam ihren Kopf, schob mit einer eleganten Bewegung die Kapuze ihrer schwarzen Robe zurück und offenbarte ihr rotes Haar. Sie hob ihren Blick. Jung wirkte ihr Gesicht. Doch ihre blau-grünen Augen offenbarten, dass sie nicht mehr so jung sein konnte. Andächtig faltete sie ihre Hände und legte diese in ihren Schoß.

»Hm«, machte Algerte, »Was ist aus Valpo von Almada geworden?«

»Seine Zeit war gekommen.«

»Wie du das sagst«, stutzte die Adelige und schüttelte den Kopf.

»Vor Boron sind alle gleich.«

»Aber dann muss es doch jemanden geben, der ihm nachfolgt?«

»Es gibt viele«, erwiderte die Geweihte ruhig, »und doch keinen einzigen.«

»Dann wäre das Reich doch ohne Herren! Aber du sagt das so, als würde es dich nicht ... nicht im geringsten kümmern?«

»Es kümmert den Ewigen nicht«, erklärte sie langsam nickend, »Und damit kümmert es auch mich nicht. Dem Ewigen schert vieles nicht. Ihm ist gleich, was für Titel wir uns geben, welche Länder wir beanspruchen oder auch nur was wir besitzen. Vor ihm sind wir alle gleich. Ein jeder von uns.« Sie hielt einen Moment inne. »Eines Tages werden wir ihm alle gegenüber treten. Uns alle ereilt dasselbe Schicksal.«

Algerte schwieg einen Moment, ehe sie wissen wollte: »Und wie lange war ich ohne Bewusstsein, dass ich den Tod eines Kaisers und seine fehlende Nachfolge nicht mitbekommen habe?«

Nun schüttelte die Geweihte ihren Kopf: »Nur wenige Tage, doch hat mein Herr dir seine Gnade des Vergessens zu teil werden lassen. Oder...« Und ein Lächeln legte sich über ihre Lippen.  »... war es vielleicht sein ihm sehr verbundener Bruder?«

Einen winzigen Augenblick nur lag Erstaunen im Blick der Adeligen, dann jedoch kam der schmerzerfüllte Gesichtsausdruck zurück. Die Geweihte lächelte immer noch. Dieses Mal noch etwas vielsagender und freundlicher als Algerte das eine Dienerin des Schweigsamen zugetraut hätte. Und wenn sie es recht bedachte, war die Geweihte auch viel zu hübsch für den Dienst an solch einem Herrn. Außerdem hatte sie rotes Haar.

»Du bist nicht die einzige, die es meinen Dienst hier unpassend findet«, kommentierte sie und zog eine Augenbraue nach oben, »Aber alles hat einen Grund. Doch nicht immer ist er für uns Menschen ersichtlich.«

»Wie lange wird es dauern, bis ich in den Tempel meines Herren zurückkehren kann?«

Ihre Gegenüber holte angestrengt Atem: »Verlasse den Tempel des Ewigen nicht, Algerte. Niemals!« Plötzlich wirkte sie sehr ernst. »Der Ewige schützt dich. Er gibt auf dich acht. Aber er kann das nur in seinem Schoß tun. Du musst wissen, die Welt dort draußen ist gefährlich. Auch wir gehen nur hinaus, wenn uns sein Ruf ereilt. Und meist vermeide ich auch das. Hier drinnen...« Sie deutete im viel zu kleinen Zimmer herum. Es gab lediglich ein schmales Bett mit einer Kleidertruhe an dessen Fußende, ein kleines Nachtkäschen und einen dreibeinigen Hocker. »... sind wir sicher. Dort draußen nicht.«

»Dann ... dann bin ich eine Geisel? Ihr haltet mich hier fest?«

Die Geweihte schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Du kannst den Tempel jederzeit verlassen. Aber dort draußen, bist du auf dich alleine gestellt. Dies sei dir bewusst.« Damit erhob sie sich und wollte bereits das Zimmer verlassen als Algerte noch einmal das Wort ergriff: »Wie ist dein Name?«

»Etilinae«, sie wandte sich zu der anderen um, »Er machte ihn mir zum Geschenk. Wirst auch du sein Geschenk annehmen?«

Rote Rabe

ZFS:

»Etilinae«, hob die Tempelvorsteherin mit andächtiger und ruhiger Stimme an, schaute aber nicht auf, sondern blickte in ihren Becher mit dem roten, würzigen und schweren Weines, »Welche Kunde bringt meine rote Rabe?«

»Er hat ihr Vergessen geschenkt«, hob Etilinae bestätigend an, »Ganz wie Peralina es sagte. Zwar weiß sie, wer sie ist, aber scheint sie sich nicht an ihre Zeit in Schwarztannen erinnern zu können, erst recht nicht an ihre jüngste Vergangenheit. Nicht an ihren Mann, nicht an ihre Kinder, nicht an...«

Erschreckend langsam winkte die alte Geweihte ab.

»Ein Segen, rote Rabe«, meinte sie da, »und auch ein Fluch.« Bedeutungsschwer nickte sie. »Während sich ganz Schwarztannen erinnert, hat sie vergessen.«

Etilinae nickte: »Was ... sollen wir tun?«

Streng blickte sie die junge Geweihte an: »Unserem Herren dienen.« Sie legte die Hände in ihren Schoß. »Unsere Kirche, Etilinae, steht über den Dingen. Sie beteiligt sich nur so an den derischen Belangen, wie es für ihre weitere Existenz notwendig ist. Und so sollten auch wir es handhaben. Was auch immer geschehen ist, ist geschehen. Urteile wurden gesprochen. Taten wurden gesühnt. Uns jedoch darf es nicht kümmern. Wir dienen dem Schweigsamen. Wir haben alle anderen Bande gelöst. Unsere Namen abgelegt. Um nur für jene da zu sein, die unserer Hilfe bedürfen. Wer einen seiner Tempel aufsucht, der muss keine Rechenschaft über das ablegen, was hinter ihm liegt. Unser Herr blickt nicht zurück. Es ist nicht seine Art. Er nimmt an. Und so müssen auch wir sie annehmen, so wie sie ist, weil es auch unser Herr das tut.«

«Ihr sagt das so, als wüsste ich all das nicht...«

»Ich wollte dir nur in Erinnerung rufen, wem du dienst.«

»Dem Schweigsamen?«, erwiderte sie, doch ihre Stimme war leise und brüchig, mehr fragend als antwortend.

»Dem Schweigsamen!«, bestätigte sie, »Erinnere dich immer daran, Etilinae. Deswegen obliegt es auch dir, für sie zu sorgen und ihr Schutz zu gewähren. Ein Aufeinandertreffen muss auf jeden Fall verhindert werden. Auf jeden Fall!«

»Ich verstehe«, erwiderte sie.

»Bist du dir sicher?«, die Frage lag schwer im Raum, »Eure Kinder sind vom selben Ast des Baumes, obgleich von unterschiedlichen Zweigen. Und dein Sohn liegt noch näher am Stamm als ihre.«

»Ich habe mich und meinen Sohn im Dienste des Herrn Boron gestellt. Ist es nicht Beweis genug, dass ich mein altes selbst abgelegt habe?«

»Ein Kuckuck bleibt ein Kuckuck, ganz gleich, ob der Rabe ihn in seinem Nest für einen Raben hält.«

»Ich habe meinen Namen abgelegt!«, beteuerte die Angesprochene, »Meine Familie zurückgelassen!«

»Auch ein neues Federkleid macht aus einem Kuckuck noch keinen Raben, rote Rabe.«

Etilinae seufzte schwer, senkte ihr Haupt und ließ die Schultern hängen: »Was soll ich tun? Was erwartet Ihr von mir?«

»Dein Sohn darf den Tempel nicht verlassen. Niemals. Sein Leben hängt daran.«

Die Mutter schluckte schwer, nickte und raunte: »Ich weiß.«

»Und dann ist da noch die Sache mit deinem Bruder«, seufzte die Hochgeweihte und tippte sich nachdenklich gegen das Kinn, »Es scheint, als hätten die derischen Belange uns eingeholt, rote Rabe. Wie sollen wir uns heraushalten, wenn wir mittendrin stecken? Es könnte bald zu gefährlich für euch hier werden. Die Wahrheit ist wie der Kuckuck im Nest. Sobald man ihn als solchen erkannt hat, stellt sich die Frage: Zieht man ihn weiter groß oder wirft ihn hinaus?«

Die Rothaarige biss sich auf die Lippen.

»Gut, rote Rabe«, kommentiert die Hochgeweihte nachdenklich, »Ich muss darüber nachdenken. Ich muss... Ach, noch eines. «

Etilinae blickte auf.

»Dein rotes Haar geziemt sich für eine der Dienerinnen des Schweigsamen nicht. Es ist an der Zeit, dass du dich von ihm trennst.«

Geheimnis

ZFS:

Im Praios war Algerte wieder so weit genesen, dass sie aufstehen und umhergehen konnte. Unter den wachsamen Augen von Geweihten und Novizen, Mägden und Knechten erkundete sie den Tempel. Bald jedoch war er ihr zu klein. Vor allem jedoch zu ruhig. Selbst die Schritte der Geweihten waren kaum zu vernehmen. Sehnsuchtsvoll dachte sie an ihr Noviziat im Phex-Tempel zurück. Dort war es niemals so leise gewesen. Es hatte ein stetes Kommen und Gehen gegeben, ständiges Gemurmel und immerzu hatte ihr Lehrmeister eine Aufgabe für sie gehabt. Manchmal hatte sie nur gelauscht, andere Male hatte sie Informationen und später Dinge ausgetauscht oder beschafft. Lächelnd dachte sie zurück.

So zog es sie in den Garten. Seltsam. Noch nie hatte sie einen Boron-Tempel mit einem Garten gesehen. Zumindest nicht mit so einem. Die Bäume waren alt und ehrwürdig und spendeten mit ihren niedrigen, aber stark belaubten Kronen bestehend aus verkrüppelten und gewundenen Ästen reichlich Schatten. Darunter gab es Büsche und Sträucher. Blumen fanden sich nicht. Dafür jedoch Kräuter. Manche rochen gar nicht, andere rochen sehr stark und intensiv. Dazwischen schlängelte sich ein kleineres, leise plätscherndes Bächlein umher, über das eine viel zu massive Brücke aus Bruchstein führte. Woher der Strom kam, war ebenso unklar, wie wohin er ging. Dazwischen fanden sich immer mehr oder weniger verwitterte und mit Moos bewachsene Darstellungen von Raben. Mal hingen sie von Bäumen herab. Andere standen auf hohen, schmalen Sockeln oder versteckten sich in den Gebüschen. Einer lugte gar aus dem kleinen Bächlein heraus, die Schwingen zum Flug erhoben. Doch eines hatten sie alle gemein: Sie waren allesamt weiß. Nun, sie befand sich auch im Tempel des weißen Raben. Und alle Tier, von ihm so einige hier gab, waren ebenso weiß. Weiße Mäuschen, die durch das Gebüsch huschten. Weißen Vögel, die leise in den Bäumen sangen. Ein weißes Eichhörnchen, das seinen Kobel in einer der Kronen hatte und blitzschnell über die Grasflächen huschte. Natürlich war auch immer wieder ein weißer Rabe zu sehen. Das Tier schien gut mit der Tempelvorsteherin bekannt zu sein. Algerte sah sie oftmals in stiller Zwiesprache vereint. Ein Anblick, der ihr am ganzen Körper eine Gänsehaut verschaffte.

Es gab noch etwas, das ihr ins Auge fiel. Viel eher jemand. Ein Knabe mit feuerrotem Haar. Nein, eher feuerroten Stoppeln. Er trug die Tracht eines Novizen, musste also im passenden Alter sein und kümmerte sich um die Tiere im Garten. Manchmal spielte er auch mit ihnen, als gäbe es keine anderen Kinder hier. Dabei gab es andere. Eines Tages setzte er sich neben sie auf die Bank unter einen der Bäume und schwieg. Er saß eine ganze Zeit so da und schwieg. Doch irgendwann wurde er unruhig.

»Bleibst du noch lange hier sitzen, Algerte?«, wollte der Knabe wissen und vermied es, sie anzusehen.

Die Adelige lächelte sanft: »Warum fragst du?«

»Du weißt doch, ich kümmere mich um die Tiere hier im Garten«, nun nickt er so, als würde das einfach alles erklären und blickte sie aus seinen tiefblauen Augen an. Algerte schüttelte sich. An irgendjemand erinnerte sie der Knabe, doch sie konnte sich nicht erinnern, an wen.

»Wie heißt du?«

»Bayrin«

»Und deine Mutter ist Etilinae, nicht wahr?«

Nun lachte der Knabe, fuhr sich durch seine roten Stoppeln und frotzelte: »Scharfsinnige Algerte.«

Da musste auch Algerte lachen. »Keine Sorge, ich werde dich nicht stören«, beteuerte sie, »Oder habe ich das jemals zuvor?«

»Nein, aber...«, hob er an und verstummte sofort wieder. Algerte sah, dass er etwas zu verbergen hatte. Angestrengt dachte der Knabe nach und biss sich dabei auf die Unterlippe. Seine Unruhe nahm zu. Algerte beobachtete aufmerksam. So, wie sie es gelernt hatte. Dann seufzte er plötzlich schwer.

»Algerte«, flötete der Knabe nun, »Du weißt doch sicher, warum der Schweigsame so heißt, nicht wahr? Und was das für seine Diener bedeutet, oder?« Er blickte sie aus seinen tiefblauen Augen an. Ganz klar waren sie. Beinahe so klar, wie der Himmel über ihr. »Und auch für seine Gäste?«

»Ich kann ein Geheimnis bewahren«, erwiderte sie ihm, »wenn du auch eines bewahren kannst.« Damit hielt sie ihm ihre Hand hin.

Mit großen Augen musterte er zuerst ihre dargebotene Hand an und schaute ihr dann in die Augen. »Gut«, erklärte er und schlug ein. »Gut«, stimmte sie zu.

Der Knabe zog seine Hand zurück, steckte sie seine Novizenrobe, holte etwas heraus, ließ sich auf die Knie sinken und säuselte: »Schneepfötchen. Schneepfötchen.«

Und dann schälte sich etwas aus einem in der Nähe befindlichen Gebüsch heraus. Weiß war es. Hatte eine schlanke, spitze Schnauze, aufrechte, dreieckige Ohren und eisblaue Augen.

Algerte stockte der Atem.

Schneepfötchen

ZFS:

Auf leisen Pfoten tapste der weiße Fuchs eilig auf den Knaben zu und fraß aus seiner geöffneten Hand. Er war dabei so ruhig und zutraulich. Algerte stand der Mund offen. Eine Gänsehaut lief ihren Rücken hinab. Sie schüttelte sich.

Nachdem der Fuchs sein Mahl beendet hatte, setzte er sich vor den Knaben und wirkte dabei wie ein zutraulicher Hund. Die Adelige ließ sich neben den Rothaarigen auf den Boden sinken.

»Schneepfötchen«, raunte sie atemlos und glaubte, dieses Namen nicht zum ersten Mal gehört zu haben. »Und Schneepfötchen ist dein ... Geheimnis?«

»Ja«, hauchte der Knabe ganz leise, »Er ist mein Geheimnis.« Nun schluckte er schwer. »Er könnte den weißen Raben fangen. Und das... das darf nicht passieren!« Mit vor Schreck geweiteten Augen schaute er sie an. »Niemals! Verstehst du?«

Sie nickte stumm.

»Hochwürden darf es nicht wissen«, fuhr er fort, »Sie würde ihn hier nicht dulden. Keinen einzigen Tag. Deswegen muss es geheim bleiben. Unser Geheimnis.«

»Unser Geheimnis«, bestätigte sie nickend, »Wie lange ist er schon hier?«

»Noch nicht lange«, meinte der Knabe, »Und ich füttere ihn immer. Damit er nicht hungrig ist. Damit er keinen Grund hat den weißen Raben zu fangen. Verstehst du?«

»Klug von dir«, kommentierte sie, »Weiß du, ich glaube nicht, dass er den weißen Raben fangen wird. Füchse sind überaus klug. Ein ausgewachsener Rabe ist eine schwer zu fangende Beute, da ist es wesentlich einfacher, dir aus der Hand zu fressen.«

Er blicke sie an, seine Augen noch größer als zuvor: »Ich weiß, dass Schneepfötchen den weißen Raben nicht fangen wird, Algerte.«

Ein kalter Schauer jagte ihr den Rücken hinab: »Du weist ... ?«

Der Knabe nickte: »Schneepfötchen ist auf der Suche nach seiner Freundin Mondäuglein.«