Benutzer:VolkoV/Briefspiel Firnbold
Im Schuldturm zu Alrikshain, in den Namenlosen Tagen 1048 BF
Firnbold zählte die sorgsam in die Wand geritzten Striche noch einmal durch - er hatte ja eh nichts besseres zu tun. Das Singen und Dichten hatte er schon vor einigen Jahren aufgegeben (waren es jetzt schon drei?). Also zählte er. Er zählte die Striche an der Wand. Er zählte die Ratten, die sein karges Mahl stehlen wollten. Er zählte die Versuche, an dem kleinen Gitterfenster zu rütteln. Hätte er doch nur früher so genau gezählt, als ihm das Geld der Burggräfin nur so durch die Finger geronnen war.
Doch Konzentration: Zurück zu den Strichen an der Wand! Wenn er nicht in einer seiner umnächteten Phasen ein paar Striche vergessen hatte, dann waren jetzt 13 Jahre vergangen. Ginaya hatte ihn kein einziges Mal besucht, nur einmal die kurze Notiz, dass sie eine neue Aufgabe für die Familie in Al'Anfa hätte. Seitdem 13 Jahre Stille.
Und die Mädchen? Die waren wohl keine Mädchen mehr, sondern junge Frauen. Aber auch hier: 13 Jahre Stille. Keiner der Wächter gab ihm Informationen, sie genossen es förmlich einen "solch hochgeborenen Gast" zu quälen. Hochgeboren am Arsch! Firnbold war in einer andergaster Holzfällerkneipe geboren und aufgewachsen. Das einzige was an seiner Mutter hoch war, war die Motivation, ihr Gewand für ein paar Münzen fallen zu lassen.
Sie hatten immer gesagt, er hätte Ginaya verführt und ihr Geld und Titel aus der Tasche gezogen, aber so war es nicht. Er hatte sie wirklich geliebt, er liebte sie noch immer. Da schmerzten die 13 Jahre Stille um so mehr. Sie war seine Muse, sie hatte aus dem einfachen Verseschmied einen echten Barden gemacht wie sie aus dem Hurensohn einen Ritter machte. Aber die ganzen Von-und-Zus haben ihn spüren lassen: Du kannst einen Menschen aus der Gosse holen, aber niemals die Gosse aus dem Menschen. Insofern waren diese 13 Jahre vielleicht nicht die glücklichsten, aber sicher jene, bei denen er wieder er selbst war, anders als in den 13 Jahren davor als absolut unstandesgemäßer Gemahl.
Ein letztes Mal sollte ihn die Muse küssen, ein letztes Gedicht an Ginaya, das zu ritzen mit einem Stein in die Mauern der Zelle ihn fast den ganzen Tag kostete. Er zählte die Zeilen durch. Genau 13. Perfekt! Es waren 13 gute Jahre und 13 schlechte Jahre, auch wenn er sich nicht mehr so sicher war, welche davon welche waren. Vielleicht eher 13 laute und 13 leise? Oder 13 arme und 13 reiche? Es reduzierte sich auf die Zahl: 13 Jahre.
Jetzt blieb ihm nur noch eins zu tun, oder besser 13 Dinge. Er kramte den mühsam am Stein angespitzten Holzlöffel unter der Strohpritsche hervor und rezitierte sein letztes Gedicht. Und mit jeder Zeile rammte er sich den Löffel in den Bauch. 13 mal für 13 Jahre.
Ein Andergaster Hurensohn...
...war wohl zu nah am Kaiserthron,
doch nimmer wollt' er ihre Kron!
Kriegt' Ehre nicht, nur Spott und Hohn,
nur weil kein Graf oder Baron?
...ist Opfer, oh, von der Passion,
zu lieben sie, war niemals Fron!
Oh Stille, keiner Stimme Ton,
ist das jetzt seiner Treue Lohn?
...wird ohne sie verotten schon,
muss nun im Schuldenturme wohn'n.
Ein Segen wär' Exekution!
Trägt Golgari ihn jetzt davon?