Geschichten:Feuer und Schatten - Feuer und Wasser

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Dexter hatte dem tückischen Doktor Baldus einen Dolch an den Hals gesetzt, aber nicht zugestoßen. ‚Ich kann doch keinen Menschen von hinten erdolchen‘, hatte er gedacht, während seine Frau ihm mehrfach herrisch bedeutet hatte, einfach zuzustoßen.

Jetzt schob sie sich an ihm vorbei, legte die zum Trichter geformte Hand an den Mund und wirkte ihren Zauber. „Aeolitus Windgebraus“, befahl sie, blies durch ihren Fingertrichter, woraufhin sich ein Sturmwind erhob, der mit Rauschen und Brausen die Falter und Motten den Gang hinab und durch ein vom Winddruck aufspringendes Fenster hinauswehte. Rudon riss der Sturmwind von den Füßen, Flaygor hingegen stemmte sich dagegen und blieb stehen, während alle Kerzen ausgeblasen wurden und mit dem Rauschen eine dichte, leichte violett glimmende Dunkelheit zurückblieb.

Ungolf hustete noch ein paar Falter aus seinem Hals und krabbelte zur Tür der Gräfin, von allen am besten zu sehen wegen seiner purpurnen Aureole.

Plötzlich flammten alle Kerzen in den Kandelabern wieder auf. Flaygor stand breitbeinig im Gang, Ungolf und Rudon zugewandt, die beide an der mittlerweile geöffneten Tür der Altgräfin waren. Der Küchenbulle blutete aus einer Seitenwunde, hatte aber das Schwert Rudons in der einen, sein Schlachtbeil in der anderen Pranke. Erlgard und Dexter standen rechts und links von Doktor Baldus offenbar beide überrascht über die erneut aufflammenden Kerzen. Erlgard wandte sich schnell zu ihrem Gatten, sah, dass er dem verräterischen Doktor keinesfalls wehtun würde, und schlug dann mit der Handkante so heftig auf den Kehlkopf Baldus‘, dass die Ausbilder in der Akademie laut „Recht so!“ gerufen hätten, während Arth Baldus röchelnd zu Boden ging und angstvoll seinen Hals umklammerte, während sein Gesicht in der Farbe seines Gottes anlief.

„Komm, Dexter“, rief Erlgard und stürmte hinter Flaygor her, der entschlossen auf Ungolf und Rudon zustapfte. Es war offensichtlich, dass sei sich eigentlich zur kreischenden Gräfin begeben wollten, doch die nahende Bedrohung ließ sie langsam im Gang zurückweichen.

Rudon intonierte die ganze Zeit einen schwingenden Gesang, während Ungolf anfing zu zucken, sich ruckartig von rechts nach links zu werfen, wobei seine Knochen sich verschoben, sein Glieder sich verbogen, ihm Schwingen aus den Schulterblättern wuchsen, seine krallenartige, verbliebene Hand in messerscharfe Klauen verwandelte, seine Zähne wuchsen und seine Körper sich mit einem dichten schwarzen Rattenfell überzog.

Flaygor zögerte nicht lange, sondern beschleunigte mit einem gewaltigen Brüllen, warf sich gegen die monströse Ungolfkreatur, teilte mit Schwert und Beil aus, dass die Klingen nur so blitzten. Erlgard und Dexter eilten nach vorn zur Tür der Gräfin, als der Gang plötzlich in noch hellerem Licht erstrahlte: eine grelllodernde Flammengestalt war im Gang erschienen, Funken und Flammen sprühten bei jeder Bewegung in alle Richtungen.

„Ivash“, keuchte Erlgard und stieß ihren Mann in das Gemach der Gräfin.

Der Teppich im Gang geriet sofort in Brand, auch Flaygors Schwerthand fing Feuer, kaum dass er nach dem nahen Feuerwesen geschlagen hatte. Sein Angriff stockte sofort. Ohne zu zögern, holte er mit der anderen Hand aus und schleuderte sein Schlachterbeil auf die Ungolfkreatur. Mit einem schmatzenden Geräusch versenkte sich die breite Klinge in der Stirn Ungolfs, zerschnitt den Schädel und die Fratze, riss den Kopf und Körper mit solcher Gewalt nach hinten, dass die gerade gewachsenen Schwingen vor der stürzenden Gestalt zusammenklappten, ehe sie in den Flammendämon einbrach und sofort zu brennen begann. Das Kreischen Ungolfs wurde von den Flammen so schnell verschlungen, dass Flaygor gerade erst die Tür erreicht hatte und sich nach drinnen rettete.

Doch schon erschienen die Arme des Ivash wie Feuerzungen im Türrahmen und versuchten, ebenfalls hereinzukommen, während Rudon Langenlob dahinter seine Kreatur wie ein Mirhamionettenspieler zu dirigieren schien.

Dexter hatte sich den Stab in die Armbeuge geklemmt, kreuzte die ausgestreckten Hände mit den Flächen nach außen und rief „Fortifex“, während Erlgard gleichzeitig ihren Stab über sich kreisen ließ und den Gardianum wirkte. Die Tür war verschlossen durch eine unsichtbare Wand und auch für den Ivash nicht durchdringbar.

Die beiden Magier atmeten heftig und sahen durch den Türrahmen in das draußen tobende Inferno. Flaygor war zu der mittlerweile verstummten Gräfin geeilt und hielt sie wie eine Puppe in seinen verletzten Armen. Atmete sie noch?

„Wie lange?“, fragte Dexter.

„Nicht lange“, antwortete Erlgard.

„Wie?“, fragte er.

„Ignisphaero fällt aus“, keuchte sie.

„Schade, wie wäre es mit Aquasphaero?“

„Bist du irre? Den habe ich nur zweimal geschafft!“ Erlgard runzelte die Stirn, auf der sich Schweißperlen zeugten. „Und ihr alle? Ihr ersauft doch mit!“

„Du nutzt Dein Amulett und nimmst sie mit. Ich gehe meinen Weg. Einverstanden?“

Erlgard überlegte kurz, warf einen Blick auf den Dämon und eilte dann, den Blick immer auf den Türrahmen gerichtet, zu Flaygor und der bewusstlosen Gräfin.

„Kommt Ihr hier weg, Meister Awarißt?“

„Ja, aber nicht ohne die Gräfin“, knurrte der Riese.

„Die nehme ich mit. Wie wollt Ihr hier heraus?“

„Das ist meine Burg, ich gehe wohin ich möchte.“

„Gut, dann geht jetzt, wir gehen jetzt durchs Fenster. Die Gräfin und ich.“

„Bitte? Da geht es zwanzig Schritt abwärts. Oder mehr“, knurrte Flaygor.

„Egal, aufs Fensterbrett, hier wird es gleich ungemütlich. Und verschwindet!“ herrschte Erlgard ihn an und stand bereits auf oben, die Gräfin umklammernd.

„Schnell, Gardel!“, rief Dexter dazwischen.

Als Erlgard wieder hinsah, war Flaygor verschwunden, einfach fort. Sie konzentrierte sich und formte am Körper der Gräfin, die sie sich an die Brust gelehnt hatte, vorbei mit den Händen eine Schale. Ihr Bewusstsein fokussierte nur die beiden Hände und die Schale, die sie bildete, nahm kaum wahr, wie ihr Gatte mit einem Sprung in seinem eigenen Schattenverschwand, als der Ivash durch die Tür barst.

Mit einer fast lässigen Geste warf sie dem Ivash den Aquasphaero entgegen und ließ sich gleichzeitig mit der Gräfin aus dem Fenster fallen. Die Wasserexplosion und das wütende Zischen des sterbenden Dämons hörte sie noch, als sie nach ihrem Amulett griff und sich und die Gräfin in Sicherheit teleportierte.



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9. Bor 1044 BF 23:35:00 Uhr
Feuer und Wasser
Motten umschwirren sie


Kapitel 4

Aus den Schatten in den Schatten
Autor: BB