Geschichten:Wut im Kerzenschein
03. ING 1043 BF Burg Gramwacht
Korwin saß in seinem Arbeitszimmer auf Burg Gramwacht, die Beine breit gespreizt, die Schultern vorgebeugt. Das Kerzenlicht flackerte, warf tanzende Schatten auf die grob behauenen Wände. Vor ihm lag ein Wachstäfelchen, der Griffel ruhte schwer in seiner Faust. Die Nacht war still, nur das entfernte Rufen einer Eule und das leise Knacken der Holzscheite im Kamin durchbrachen die Dämmerung. Er rührte in einem Becher Wein, beobachtete träge die schlierenhaften Muster, die sich auf der Oberfläche bildeten, und seufzte.
Mit zusammengekniffenen Augen las er die Worte, die er soeben eingeritzt hatte:
"Holdes Weib, so schön und fein,
sollst die Meine ewig sein.
Lippen rot wie Apfelkern,
blick ich an, tu’s gar zu gern."
"Dein Haar so weich, wie Seide fein,
dein Blick lässt mich im Herzen schrein.
In deinem Arm will ich verweilen,
mein Lieb, mit dir die Zeit enteilen."
"Kein Stern so hell am Himmel steht,
wie dein Gesicht, wenn’s vor mir geht.
O goldnes Licht in dunkler Zeit,
du schenkst mir Trost und Seligkeit."
Korwin schnaufte. "Was’n Blödsinn!" Mit wilder Entschlossenheit kratzte er den Text mit dem Daumen vom Wachs, bis nur noch Schmierspuren übrig waren. "Das klingt ja, als hätt’s ein Kind gedichtet!" Er rieb sich das stoppelige Kinn, während seine Stirn in Falten fiel. "Mehr Ernsthaftigkeit! Mehr Leidenschaft!"
Er setzte den Griffel erneut an. Draußen pfiff der Wind durch die Ritzen des Fensters, zerrte an den Läden, als wolle er ihm gleich seine eigenen Gedanken zuflüstern. Doch Korwin schüttelte den Kopf. Nein, Minnesang war eine ernste Kunst, nichts für eitlen Schabernack. Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren.
"In Mondenschein dein Antlitz glänzt,
die Stimme wie Musik erklingt.
Kein Edelstein in aller Welt so strahlt,
wie du, wenn Licht dich hält."
"Ein Lächeln nur von deinem Mund,
macht meine Sorgen schier gesund.
Du bist der Tau auf Wiesen zart,
der meinen Tag vergoldet zart."
"Wie sanfter Wind, der Wellen küsst,
so sanft dein Herz mich nie vergisst.
Oh holde Maid, so schön und fein,
sollst ewig meine Sehnsucht sein."
Korwin las es sich leise vor. Dann grunzte er. "Was soll das heißen, „wenn Licht dich hält“? Klingt, als ob sie in der Laterne steckt!" Zornig fuhr er mit der Hand über die Täfelchen, die Schrift verschwand. "Verdammte Faxen!" Seine Stirn glühte vor Konzentration. "Edel, schön, aber nicht so geschwollen – und kein Unsinn mit Laternen!"
Er holte tief Luft und schrieb eine dritte Fassung:
"O Maid, du Stern in dunkler Nacht,
dein Lächeln mir das Herz entfacht.
Wie Frühling nach der langen Zeit,
bringst du mir Trost und Seligkeit."
"Dein Wort so süß wie Honigseim,
durchflutet mich wie Frühlingsreim.
In deiner Nähe schwindet Leid,
du bist mein Licht in dunkler Zeit."
"Der Morgentau auf frischem Grün,
kann nicht so rein und klar erblüh’n,
wie du es tust mit sanftem Blick,
der mir verspricht ein wahres Glück."
Er legte den Griffel nieder, betrachtete sein Werk. Die Wut wich langsam aus seinen Zügen. "Na ja... Geht wohl schlimmer." Er lehnte sich zurück, schmunzelte grimmig. "Minnesang ist was für Gaukler und feine Herrn – aber wenigstens klingt es nicht mehr, ganz so kindisch"
Er lehnte sich zurück, sein Blick fiel auf den hölzernen Schrank in der Ecke, auf dem ein schmaler Krug stand. Er erhob sich, knarrend unter dem Gewicht seiner Männergestalt, und schüttete sich Wein nach. "Vielleicht fehlt mir nur die rechte Stimmung", murmelte er und hob den Becher an die Lippen. Das Feuer im Kamin knackte leise, wärmte den Raum mit flackerndem Licht. Draußen zog eine dunkle Wolke vor den Mond, als ob der Himmel seine eigenen Dichtkünste ebenso skeptisch beäugte wie Korwin selbst.
"Vielleicht sollte ich mir Rat holen", murmelte er in seinen Bart. "Aber wen?" Seine Freunde würden sich vermutlich vor Lachen nicht halten können. Balsox? Der würde es sogleich überall herumerzählen. Konnar? Der würde ihn nur grimmig mustern und fragen, ob er krank sei. Nein, das war eine Angelegenheit, die er selbst bewältigen musste.
Mit neuem Entschluss nahm er den Griffel, kratzte noch einmal einige Zeilen ins Wachs und las laut vor:
"Im Frühling blüht der Rosenstrauch,
du duftest süß und wunderbar.
Dein Lächeln macht mein Herz so schwach,
du bist so strahlend, licht und klar."
"Dein Blick durchbricht die längste Nacht,
wie Feuer, das in Dunkel lacht.
Du bist mein Stern, mein Licht, mein Sein,
du sollst für ewig bei mir sein."
"Kein Wasser löscht die heiße Glut,
die in mir tobt mit großer Wut.
Denn ist’s dein Blick, der Flammen nährt,
so sei mein Herz dir zugeschwört."
Er hielt inne. Dann nickte er langsam. "Kann man lassen", brummte er und legte den Griffel zur Seite.
Er führte den Becher an die Lippen, nahm einen tiefen Schluck und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Minnesang war eine schwere Kunst, und er war kein Barde. Aber immerhin, er hatte sich der Herausforderung gestellt. Und am Ende, so dachte er mit einem Anflug von Stolz, hatte er gesiegt – zumindest ein wenig.