Geschichten:(Selbst-)Zufriedenheit

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Wie fast immer hatte Zordan von Rabicum den Jahreswechsel im Kreise seiner engsten (und wichtigsten) Anverwandten verbracht. Waren die Namenlosen Tage an sich schon alles andere als angenehm, so waren es die weiterhin vorhandenen Spannungen zwischen seinem Enkel Welferich, der noch unschlüssig war, ob er seine Zeit in Tobrien als Fluch oder Segen betrachten sollte, und seinem Sohn Rukus noch weniger und zuweilen beinahe mit Händen zu greifen gewesen. Ohne ein Machtwort des Alten hätten sich diese wohl – mal wieder – in der einen oder anderen Form Bahn gebrochen. Wenn er dies doch auch nur auf die Tage zwischen den Jahren hätte schieben können … Aber mit den beiden großen Kindsköpfen war ohnehin kein Staat zu machen, wie das Familienoberhaupt schon vor einiger Zeit hatte resignierend erkennen müssen. Brauchbare Garadanfiguren für das große Spiel in Perricum, gewiss, aber mehr auch nicht. Als seine faktischen Erben und Nachfolger kamen sie jedenfalls nicht infrage. Aber immerhin gab es mit Rukus´ Tochter Geldana noch einen echten Lichtblick in diesem Ausbund an Mittelmäßigkeit, der sich ‚Familie‘ nannte. Sie machte sich hier als Vögtin schon ganz ordentlich, trotz des traditions- und selbstbewussten Niederadels, der zuweilen gegen die neue Herrschaft murrte. Auch ihre erste echte Bewährungsprobe hatte sie sehr gut gemeistert und dadurch endgültig bewiesen, dass sie das Zeug dazu hatte, ihm dereinst als Seneschall nachzufolgen. Selbst jetzt, während der gemeinsamen Zeit auf Burg Thannfest, hatte sie es verstanden, sich aus dem Zwist ihrer Anverwandten herauszuhalten, ohne dabei einen der beiden gegen sich aufzubringen. Kluges Mädchen. Und auch einige der wichtigsten Verbündeten, insbesondere Geldana von Zillingen und Almor von Pelkerstein, fraßen ihr schon beinahe aus der Hand, so eloquent und geschickt, wie sie war. Von ihrem Vater – geschweige denn ihrem Onkel – hatte sie diese Gabe sicherlich nicht.

Zordan schüttelte diese Gedanken wie lästigen Staub von sich ab und wandte sich wieder den Dreien zu, die er kurz zuvor in sein Gemach hatte rufen lassen.
„Es war wieder einmal sehr schön, euch alle wieder hier gehabt zu haben“, begann er beinahe liebenswürdig, wobei es ihm gleich war, ob die beiden anderen Männer in dieser Runde dies ebenso sahen, „aber bevor wir morgen auseinandergehen, möchte ich noch gemeinsam mit euch auf das vergangene Jahr sowie die nähere Zukunft blicken. Ich denke, der letzte Götterlauf war für unsere Familie ein ungemein erfolgreicher. Erst das Auffinden der legendären Standarte des Caralus, dann deren Präsentation während der Generalaudienz und kurz darauf bei der Heerschau – ihr Drei habt wirklich Großes für unsere Familie geleistet.“ Dabei hatte der Seneschall zuvörderst seine Enkelin und sich selbst im Sinn, hielt es aber für angeraten, auch die Egos der beiden Männer ein wenig zu streicheln; er brauchte sie schließlich noch.
„Übrigens hat seine Erlaucht auf meinen Rat hin jüngst beschlossen, die Standarte zu einem offiziellen Symbol Perricums zu erheben und den Ersten Hausritter zu dessen Hüter beziehungsweise Träger bei besonderen Anlässen. Meinen Glückwunsch, Sohn.
Und Dir, Welferich, soll ich neben dem Dank Herrn Rondrigans auch dies hier überreichen.“ Aus einem kleinen Etui entnahm der Herr Bergthanns das Ehrenwappen der Markgrafschaft Perricum III. Klasse und heftete es seinem erst überrascht, dann sehr stolz wirkenden Enkel an die Brust. ‚Immer wieder erstaunlich‘, ging es dem Alten dabei durch den Kopf, ‚zu sehen, was für Wirkung derlei Tand auf viele Menschen hat.‘
„Der Markgraf war auch voll des Lobes Dich betreffend, Geldana. Offenbar hast Du großen Eindruck bei ihm hinterlassen, mein Kind.
Damit haben wir nun zweierlei erreicht: Unsere Gegner bei Hofe weiter in den Hintergrund gedrängt und somit geschwächt sowie unser Ansehen bei seiner Erlaucht im gleichen Maße gesteigert. So uns in nächster Zeit keine groben Fehler unterlaufen“, der Seneschall schaute mit ernstem Blick den Anwesenden der Reihe nach tief in die Augen, „sollte unsere Position als erste Familie sowohl der Provinz als auch bei Hofe weiter unangefochten und gefestigter denn je sein. Unsere Kontrahenten haben wir mit dem Auffinden der Standarte und den daraus resultierenden Folgen gänzlich überrascht, ja geradezu überrumpelt, so dass keiner von ihnen uns zumindest mittelfristig mehr gefährlich werden kann. Kurzum, ich bin mit der aktuellen Situation höchst zufrieden.“ Letztere Aussage erstaunte die übrigen Anwesenden sehr, denn ‚Zufriedenheit‘ kam im Wortschatz ihres Familienoberhaupts sonst praktisch nicht vor.
„Für die Zukunft werden wir also unsere Aktivitäten deutlich reduzieren können; zum einen aus fehlender Notwendigkeit heraus, zum anderen, weil wir nicht noch mehr Druck auf unsere Gegner ausüben wollen und sie schlimmstenfalls dadurch ohne Not zu einer Gegenreaktion provozieren, wie sinnlos eine solche auch sein dürfte. Perspektivisch werde ich aber – natürlich höchst subtil und in der richtigen ‚Dosierung‘ – beim Paligan bei passenden Gelegenheiten Deinen Namen erwähnen, Geldana, damit er Dich auch weiterhin im Hinterkopf behält. Zudem beabsichtige ich, Dich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit von ihm zur Landvogtin einer der markgräflichen Baronien ernennen zu lassen, damit Du Deine Fähigkeiten und Talente auch auf höherer Ebene abseits aller Familienpolitik“ - ein kurzes Schmunzeln umspielte die Lippen des Alten - „zum Einsatz bringen kannst und um Dich mittelfristig als meine Nachfolgerin als Seneschall in Stellung zu bringen.
So, damit möchte ich es für heute bewenden lassen. Wir genehmigen uns unten noch einen kleinen Umtrunk und dann Praios befohlen!“
Welferich und Rukus stöhnten innerlich kurz auf, wollten Sie doch am liebsten sofort sowohl voneinander als auch vom Familienpatriarchen Abstand gewinnen, antworteten aber stattdessen mit einem breiten Lächeln und freudigem Kopfnicken auf die Einladung.
‚Was für erbärmliche Heuchler ihr doch seid.‘, war hingegen die gedankliche Reaktion Zordans auf die vermeintliche Vorfreude seiner Anverwandten, während er ebenso freundlich zurücklächelte.